Die vorliegende Zusammenstellung enthält in Englisch ohne Untertitel und in passabler, wenn auch nicht gerade überragender Qualität: "Behave Yourself" (1952), eine unglaublich belanglose Krimifarce mit einem Farley Granger, der mal wieder das hilflose Jüngelchen ist und als Schauspieler nicht weniger unbeholfen als in seiner Rolle wirkt. Daneben ist Shelley Winters das eher nervige Eheweib anstatt die Bombe in sexy Unterwäsche, die die Credits versprechen. Abhaken! "Home Town Story" (1951) ist noch schlechter, nicht nur ein Nichts, sondern richtig ärgerlich. In plattester Art werden uns die Segnungen der Großindustrie gepriesen, selbst ein eher Wirtschaftsliberaler kann danach sofort bei Attac unterschreiben... Dass das Ding mal als Werbe-Doku gedacht war und dann zu einem ca. 65 Min. langen Spielfilm aufgebläht wurde, verwundert kein bißchen. Marilyn Monroe hat zwei ganz kurze Szenen, die auch gerne fehlen könnten, das wird dann mit Dreistigkeit als MM-Film gepriesen. Abhaken!!
Äußerst interessant ist indes "Of Human Bondage" (1934). In der Filmographie der großen Bette Davis nimmt er eine wichtige Position ein: Nach diversen Belanglosigkeiten bei Warner Brothers hat sie sich um die Rolle der Mildred, einer Cockney-Schlampe übelster Billigkeit und Schlechtigkeit, wie sie nur kurz vor dem Inkrafttreten der Hollywood-Selbstzensur angelegt werden konnte, regelrecht gerissen. Niemand wollte so ein Dreckstück spielen, außer Bette, und ihr Chef willigte ein, sie dafür an ein anderes Studio "auszuleihen". Bette hat beim Spielen alles gegeben. Dies merkt man im Guten wie im Schlechten. Ich finde, 1934 war ihr Overacting und waren ihre Manierismen noch nicht so ausgefeilt wie später, vieles wirkt etwas überzogen, monoton, penetrant. So muss Bette z.B. ständig mit dem Kopf wackeln, als wisse sie nicht, wohin mit ihrer Energie und müsse unbedingt mit dem Holzhammer zeigen, wie sehr sie sich für die Rolle ins Zeug gelegt hat.
Macht aber nicht arg viel, denn der Rest des Filmes ist ziemlich gut; insgesamt macht ihn das zu einer Ausnahmeerscheinung. Es gibt eine ganze Reihe von mäßigen Filmen mit einer großartigen Bette, und dies ist ein über weite Strecken großartiger Film mit einer nicht ganz überzeugenden Bette. Diese Literaturverfilmung nach Maugham lotet tatsächlich "Des Menschen Hörigkeit" vielschichtig aus, gerade anhand der von Leslie Howard gespielten männlichen Hauptfigur Philip. Dieser ist ein zerrissener Weltenwanderer. Fasziniert von der Welt der Bohemiens, aber gescheitert als Kunstmaler, verlegt er sich aufs Medizinstudium, von dem er aber immer wieder von seiner obsessiven Liebe (oder was er dafür hält) zu Mildred abgelenkt wird. Leslie Howard kann mit seiner distinguierten Art und Denkerstirn diesen Menschen hervorragend spielen, und er ist nie nur der arme Tropf, der von dem Flittchen fertiggemacht wird, sondern immer auch ein bißchen Möchtegernsnob. Das kommt in vielen Szenen zum Ausdruck, am besten vielleicht in derjenigen, in der Mildred ihn am meisten zur Schnecke macht und ihm entgegenschleudert, was sie von ihm wirklich hält. "You disgust me", hatte Philip Mildred zuvor gesagt, und da macht sie ihm klar, dass das auch umgekehrt gilt: Die ganzen Bilder von nackten Frauen, die Philip in seiner Wohnung hängen hat und die er als Kunst bezeichnet, sieht Mildred nur als Schweinkram an. Sie ist zwar ein Miststück, aber wenn sie in ihrem schlichten Gemüt die Nacktbilder nicht als Kunst zu sehen vermag, sondern als Ersatzbefriedigung des emotional und sexuell verkrüppelten Philip, so liegt sie damit vermutlich der Wahrheit näher als der "intellektuelle" Philip. Dies macht den Reiz des Filmes (das Buch habe ich leider nicht gelesen) aus - in diesen Fragen nie einseitig zu sein, nie nur "der arme Mann und die böse Frau" zu sagen, sondern uns in Abgründe blicken zu lassen, die so wenig schablonenhaft sind, dass wir uns nie von ihnen distanzieren können und es auf fern von uns liegende Klischeepersonen schieben können. Nein, die Abgründe von Philip sind nicht die seinigen allein. Und durch solche Ambivalenzen wird diese Unsicherheit Philips fühlbar, und es wird fühlbar, warum so ein gebildeter Mann von so einer Schlampe überhaupt derart besessen sein kann - und dass das im Gunde jedem passieren kann. Super!
Der Film setzt sein Thema auch mit jeder Menge guter filmischer Mittel um, visualisiert öfters die Obsession Philips durch Mildred-Erscheinungen, so das man ein, zwei Mal angenehm verunsichert ist, ob man sich gerade in einem Traum oder in der Realität befindet. Dass Philip einen Klumpfuß hat, deutet natürlich auf seine emotional-sexuelle Verkrüppelung hin, wird aber nie zu penetrant eingesetzt, sondern hochinteressant variiert. Als er sich endlich hat operieren lassen, kauft er sich neue Schuhe, sein ganzer Stolz, aber er läuft sich in einer furiosen Montagesequenz "die Hacken ab" nach Arbeit, findet keine, bis die schönen Schuhe ganz abgewetzt sind. Sein ganzer Stolz dahin, die vermeintliche Kur hat ihn nicht kuriert, filmisch kongenial und ohne zuviel Pathos gezeigt.
Rettung - jetzt kommt ein SPOILER - gibt es am Ende doch noch durch eine liebende Frau, die in einer einzigartigen Mischung aus Hingabe und herausfordernder Entschlossenheit von Frances Dee gespielt wird. Ich fand sie darin magisch und bedauere, dass ein so richtig großer Star aus ihr nicht wurde. Schwach ist leider das Ende, vielleicht sind 80 Minuten für einen über 700 Seiten langen Roman auch zu wenig: Mildred stirbt, und das soll zur Loslösung führen. Ich glaub es nicht! Im wahrsten Sinne des Wortes. Was ändert denn der Tod? Obsessionen überdauern diesen doch mühelos, man denke nur an spätere Filme wie "Laura" und vor allem "Vertigo". Da schwächelt "Of Human Bondage". Über weite Strecken ist er aber ungemein stark, Bette Davis ist noch nicht ganz auf der Höhe, alle anderen schon, isoliert vier Sterne. Aber die beiden anderen Gurkenfilme fordern ihren Tribut.