Was haben die meisten der bekanntesten Marvel-Comic-Helden gemeinsam ?
Sie alle sind strahlende, beinahe makellose Persönlichkeiten mit übermenschlichen Fähigkeiten, welche sie selbstlos für die gute Sache und zum Schutz der schwachen Menschen einsetzen. Vom Charakterprofil klar unterschiedlich und jeder mit seiner ganz eigenen Motivation, doch mit einem gemeinsamen Ziel: dem Bösen die Stirn zu bieten.
Von diesem Helden-Image distanziert sich Bruce Banner alias "Hulk" doch deutlich, da er kein Held im klassischen Sinne ist. Ungewollt und unfallbedingt schlummert in ihm eine gigantische Kraft, die sich bei emotionaler Erregung in Form des grünhäutigen Riesen manifestiert. Eine Kraft, die er nicht kontrollieren kann und für ihn mehr ein persönlicher Fluch denn eine hilfreiche Gabe ist. Das ist auch der Grund, warum er eigentlich nicht bewusst für das Wohl anderer kämpft, sondern in erster Linie versucht sich selbst zu helfen bzw. zu retten. Das macht seine Figur wesentlich trauriger und tragischer als alle anderen Marvel-Figuren, die man sonst kennt.
Im Jahre 2003 war es Ang Lee, der Regie-Guru und Dramen-König aus dem fernen Osten, der sich der Figur des "Hulk" annahm und eine moderne Realverfilmung verwirklichte. Warum gerade er und nicht ein action-erfahrener Regie-Kollege ? Weil der "Hulk"-Film sich intensiver mit den Figuren beschäftigen und nicht in aneinander geketteten Action-Höhepunkten verlieren soll. Und genau das tut der Film auch: Hier wird wesentlich mehr gemenschelt als blind / sinnlos geschossen, geprügelt oder zerstört. Ein Merkmal, das sich von der Masse sonstiger Comic-Adaptionen positiv abhebt und zu begrüßen ist.
Auf die brennende Frage, ob sich der Film mehr am Original-Comic oder eher an der 70er-Real-Serie mit Bill Bixby orientiert, kann man nur soviel sagen, dass er sich teilweise beider Quellen bedient, aber keine zu 100% übernimmt.
Der Comic war ein Kind seiner Zeit (Kalter Krieg), und seine Handlung spielte auch hauptsächlich in dieser, während der Film-Plot es ins heutige Nanotechnik-Zeitalter geschafft hat. Dementsprechend wird der Unfallhergang, der Bruce' spätere Veränderung verursacht, anders geschildert als man es aus der Vergangenheit kennt. Auch die direkte Einbeziehung von Banners Vater, der eine Mitschuld an der Geburt des Hulks trägt, bringt eine willkommene, dramatische Kompenente in die Filmgeschichte, die in einem tollen Vater-Sohn-Konflikt mündet. Aber das sind nur auf Aktualität bezogene Veränderungen, der eigentliche Plot ist im Kern erhalten geblieben.
Der Film lässt sich mit der Einführung der Charaktere viel Zeit; bis zur ersten großen Action-Sequenz vergeht mal gerne die erste halbe Stunde. Und auch über den Rest des über zwei Stunden langen Comic-Dramas sind Action-Momente eher rar gesäet, dafür aber technisch top und mit überzeugenden Schauwerten versehen.
Ein sehr interessanter Kniff von Regisseur Lee ist die visualisierte Erzählform seines Films:
Wie in einem echten Comic wird das Bild bei Übergangsszenen in Split-Screens aufgeteilt (welche auch gerne ihre Ausschnittsgrüße fließend verändern), Hintergründe mit bewegtem Vordergrund kunstvoll verschmolzen oder die Szenerie wortwörtlich "umgeblättert". Das verpasst "Hulk" einen beeindruckenden und einzigartigen Look, schon aufgrund dieser Technik lässt sich dieser Film nicht mit anderen Comic-Verfilmungen in einem Topf schmeissen.
Für die musikalische Unterstützung wurde Danny Elfman verpflichtet, der dem titelgebenden Hünen ein sehr romantisch-trauriges Thema komponierte und zum wiederholten Male beweist, dass er geniale Comicfilm-Soundtracks zaubern kann wie kein Zweiter. Daher auch seine stattliche Liste an einprägsamen Werken in diesem Genre (u.a. "Batman" oder "Spider-Man").
Was die Besetzung anbelangt, so gibt es hier keinen Anlass zum Tadeln.
Eric Bana brilliert in der Titelrolle. Er sieht dem Original-Charakter nicht nur ähnlich und besitzt zufälligerweise einen ähnlich klingenden Namen, er verleiht der Figur auch die Tiefe und Verletzbarkeit, die sie braucht. In jenen Momenten, in denen er versucht, seine Wut zu unterdrücken, gefällt er am besten. Oscar-Preisträgerin Jennifer Connelly überzeugt in ihrer Rolle als Betty Ross, was aber nicht heisst, dass sie nur gut aussieht. Und Nick Nolte gibt den im Wahnsinn verfallenen Banner-Vater eine glaubhafte Dichte. Der restliche Cast (u.a. Sam Eliott als General Ross oder Josh Lucas als Talbot) ist solide und erlaubt sich keine Ausfälle.
Insgesamt eigentlich ein doch beachtlicher Film, der bis hierhin das Zeug besitzt, aufs Siegertreppchen der besten Comic-Adaptionen zu steigen. Doch zwei Punkte verhindern diesen Schritt.
1. Der Gegner:
"Hulk" ist ein überaus starkes Wesen, der einen militärischen Fuhrpark wie Jeeps, Panzer oder gar Kampfhubschrauber mal eben zu Brei zermalmt und dem selbst Pistolenkugeln und andere Waffen nichts anhaben können. Gegen wen soll man so einen übermächtigen Riesen antreten lassen ?
Hier werden genmanipulierte Hunde (darunter auch ein zotteliger Pudel !!!) und Vater David Banner als energieabsorbierender Mann losgelassen. Nicht gerade die beste Wahl, da hätte man bessere Kontrahenten finden können.
2. Der "Hulk" selbst
An sich wunderbar animiert, inbesondere die Verwandlung Banners in "Hulk" wirkt wie aus einem Guss. Auch an seiner Mimik gibt es nichts auszusetzen. Sobald der "Hulk" aber zu seinen "Sieben-Meilen-Sprüngen" überwechselt, macht die Figur den Eindruck eines lebendig gewordenen, grünen Hüpfballs, was doch ein wenig zu Lasten der sonst perfekten Illusion geht (andererseits: Konnte der Comic-/ Zeichentrick-"Hulk" nicht auch gigantische Entfernungen mit einem einzigen Sprung hinter sich lassen ?! *g*).
Nimmt man diese Kritikpunkte mit in die Rechnung, so bleibt am Ende doch noch eine sehr ansehnliche Verfilmung. "Hulk" von Ang Lee ist keine stinknormale Comic-Adaption nach bewährtem Muster, und aus diesem Grund auch mein heimlicher Liebling im genannten Genre, denn wie viele traurige Helden wie der "Dr. Jekyll / Mr. Hyde" des Marvel-Comics gibt es schon ?