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Produktinformation
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Hugo Hassel wird Heiligabend 1931 in Leipzig als drittes Kind seiner Eltern, geboren. Der Vater lehnt den Jungen von Anfang an kategorisch ab, hatte er sich doch ein weiteres Mädchen gewünscht. Diese Ablehnung bekommt Hugo schon als acht Monate alter Säugling täglich in Form von übelster Züchtigung und Mißhandlung zu spüren. Um diese Qualen und Ängste aushalten zu können, erschafft er sich als »Schutzschild« eine zweite Persönlichkeit, seinen verstorbenen Zwillingsbruder Fritz, der an seiner Stelle die Pein und Demütigungen, die seine Familie im zufügt, erduldet.
Diese zweite Persönlichkeit manifestiert sich immer mehr in der Psyche des kleinen Jungen, proportional zu seinem Leidensdruck. Durch sein »merkwürdiges« Verhalten jedoch erzeugt er wiederum weitere Ablehnung und Unverständnis in seiner Familie. Die Lage spitzt sich zu als die Einschulung und die damit verbundenen Tests nahen. Hugo schafft es nicht, Fritz zu verheimlichen und muss daraufhin weitere Tests über sich ergehen lassen. Er erweist sich dabei jedoch als überaus intelligent und ist auch sonst ein Vorzeigebild der arischen Rasse, was ihm trotz der diagnostizierten Persönlichkeitsspaltung ermöglicht, zunächst auch weiterhin seinen Schulbesuch fortführen. Er bleibt allerdings weiterhin unter Beobachtung.
Schliesslich fällt das Augenmerk eines Professors der Abteilung für jugendliche Psychopathen auf Hugo. Sein Ziel ist es, das Gehirn des kleinen Jungen nach dessen Vergasung zu untersuchen, um damit Berühmtheit zu erlangen. Die von Hitler gewünschte Euthanasieaktion T4 und die Legalisierung dieser Morde erleichtern ihm sein Vorhaben natürlich enorm. Immer mehr verstrickt sich Hugo in den Ereignissen. Schliesslich muss die Mutter das Kind abtreten. Es beginnt für den kleinen Hugo ein Kampf ums Überleben ...
Es ist dem Autor gelungen, das so brisante wie schwer fassbars Thema der Kinder-Euthanasie greifbar zu machen. Hemmann erzählt diese Geschichte klar und nüchtern, untermauert von historischen Fakten, die den Leser nicht die Realität der Ereignisse vergessen lassen. Ein hochtrabend literarischer oder blumiger Schreibstil wäre diesem Buch auch absolut nicht zuträglich gewesen. Der Focus muss auf der Geschichte bleiben, ohne Ablenkung. Wie ich finde, hat Hemmann da einen grossartigen Weg gefunden. Er schafft es, emotional so aufzuwühlen, dass sich das Grauen der Kinder-Euthanasie des Naziregimes in des Lesers Gedächtnis brennt.
Als Mensch mit Gefühlen muss man einfach den kleinen Hugo »adoptieren« und sinnbildlich in die Arme nehmen, um ihn vor seinem Schicksal zu bewahren. Natürlich hat es keinen Zweck, denn das Kind wird weiter gequält und schliesslich ausgelöscht, einer verblendeten Wissenschaft, Geltungssucht und einer fanatischen Ideologie geopfert.
Ein wichtiges Buch, dass man gelesen haben sollte! -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Welche Folgen es hat, wenn wieder scheinbar ganz kaufmännisches Kalkül entscheidet, welcher Mensch leben darf und welcher nicht, das kann nur einer schildern, der sich - wie Hemmann - hineinbegibt in das Denken und Fühlen eines Betroffenen. In diesem Fall des am Heiligabend 1931 geborene Hugo Hassel, der durch Schikane in frühester Kindheit eine multiple Persönlichkeit ausgebildet hat. Ein hellwacher Junge mit überdurchschnittlicher Auffassungsgabe, der aber gerade dadurch, dass er „anders" ist und in das platte Weltbild seines prügelwütigen Vaters nicht passt, für die Aussortierer, „Rasse-Reinerhalter" schnell zum Fall wird. Zu einem „wissenschaftlichen" noch dazu.
Ist nur die Frage: Kann man das noch schildern? Ist das nicht in zahlreichen - auch guten Büchern, immer wieder und wieder versucht worden? - Hemmann kann es, denn er schildert Hugos Odyssee auch als eine Odyssee zu Menschen, die sich - in unterschiedlichster Weise - ein menschliches Herz bewahrt haben, noch mitfühlen können und dementsprechend handeln: ein Lehrer, ein Pfleger, ein Pfarrer. Auch das wird gern vergessen, dass „deutscher Widerstand" oft nur ein mutiger Versuch sein konnte, zu helfen, wo geholfen werden konnte, der Macht zu widerstehen, der knallharten Kälte jener, die mit Krieg und Mord ihre Geschäfte machten.
Auch das ist ein selten bedachter Aspekt: Dass es eiskalte Geschäftemacher waren, die die Maschinerie des Dritten Reiches ölten und zu jener Perfektion vervollkommneten, die am Ende so erschreckend offen zu Tage lag. Eine Maschinerie übrigens, die kaum ein Entkommen zuließ. Vielleicht übertreibt man nicht, wenn man die Täter des Dritten Reiches als Manager des Todes beschreibt. Und wenn man - mit solch eindringlicher Menschlichkeit wie Hemmann in seinem Buch - davor warnt, Menschenleben wieder zu kalkulatorischen Größen in Wirtschaftsbilanzen zu machen. Selbst wenn es nur die Bilanzen geltungssüchtiger Forscher sind.
Hugo Hassel hat zwar so nie gelebt. Hemmann hat ihn erfunden, um den blanken Zahlen in den Totenlisten ein Gesicht zu geben, das Gesicht eines Jungen, mit dem man sich gern einmal getroffen hätte - auf dem Bolzplatz, im Kartoffel-Camp. Er steht für eine Faszination, die kluge, wache, neugierige Mitmenschen auf andere auszuüben vermögen. Er steht auch für die ebenso große Frage: Hätte er heute eine Chance? Oder haben wir nicht - dummerweise - auch ein Schulsystem, das wieder einmal Effizienz und Lehrplantreue als wichtigste Ziele propagiert?
Es ist auch der Traum des Autors von einem wacheren Leben, einer unbändigen Neugier auf die Welt ringsum. Der Stachel der Nazi-Diktatur sitzt tief in dieser Gesellschaft. Mit allen Folgen. Auch mit der Folge, dem Andersartigen nach wie vor mit Misstrauen, Angst und Verschlossenheit zu begegnen. Hugos Geschichte ist keine vergangene Geschichte. Sein Kummer ist unter uns. Und sicher kann, wer das Buch liest, den Kummer teilen.
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