Um meine Bewertung besser einordnen zu können, möchte ich daran erinnern, welch grossartige Bücher Klaus Theweleit geschrieben hat. Allen voran das zweibändige Werk "Männerphantasien", das bei seinem Erscheinen vor über vierzig Jahren ein Ereignis war und sich noch heute zu lesen lohnt. Aber auch "Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell", die beiden Bände "Buch der Könige" oder seine Jimi Hendrix Biographie ragen über Durchschnittliches weit hinaus. Und da auf dem Cover dieses Bob-Dylan-Lesebuches nichts von Herausgeber steht, nahm ich automatisch an, der deutsche Kulturtheoretiker habe mehr als einen Sampler bereits veröffentlichter Essays geschrieben. Aber das ist nicht der Fall. Und selbst die drei Beiträge, die Theweleit selber verantwortet, sind nichts Besonderes.
Klaus Theweleit versteht sich aber auch nicht als Herausgeber, der tragende Brücken zu den Gedanken anderer Autoren baut, mit Zwischenrufen auf Verborgenes aufmerksam macht oder seine Lesern mitteilt, warum ein ausgewählter Artikel in sein Konzept passt. Einfach daraus zu verweisen, dass einige noch nie auf Deutsch veröffentlich wurden, genügt nicht. Und wenn der Klappentexter schreibt, aus Theweleits Zusammenstellung sei ein originelles Lesebuch über einen Grossen der Popmusik geworden, dann trifft dies nicht einmal zu. Ausser er hätte eine ziemlich andere Vorstellung von Originalität als ich.
Unter den 26 Beiträgen unterschiedlichster Autoren stiess ich glücklicherweise auf eine Handvoll, die mir so gut gefielen, dass ich die Vergabe von drei Sternen vertreten kann. Was aus dem Buch hätte werden können, wird ansatzweise bei Theweleits Artikel "Bob Dylan - Bits & Pieces" ersichtlich. Denn hier kommt der Autor auf verborgene Strukturen zu sprechen, zeigt überraschende Zusammenhänge auf und erinnert an Fakten, die nicht schon in jedem Buch über Dylan stehen. Aber weshalb er nicht näher auf die interessante Frage eingeht, warum Bob Dylan im Laufe seiner Auftritte an die 600 fremde Songs gespielt hat geht er nicht ein. Dabei könnte ein Mann vom intellektuellen Kaliber Klaus Theweleits allein darüber ein dickes Buch verfassen.
Mein Fazit: Ein Lesebuch, das sich von vergleichbaren Produkten leider kaum abhebt. Dylan-Fans, die nicht nur deutschsprachige Texte lesen, werden das meiste bereits kennen. Und das Bildmaterial wird ihnen ebenfalls bekannt sein. Bleibt die Frage, was ihnen der deutsche Kulturtheoretiker Klaus Theweleit Neues über Dylan mitteilen kann. Die Antwort lautet leider: erstaunlich wenig. Das Wenige reicht für einen Dylan-Fan wie mich aus, diesem Lesebuch wenigstens drei Bewertungssterne zu geben.