Nach Lektüre des Buches ist es mir ein absolutes Rätsel, warum Größen wie Steven Pinker oder Daniel Gilbert es auf dem Klappentext in höchsten Tönen loben. Vielleicht, weil sie selbst im Text von Paul Bloom lobend zitiert werden ?
Der Autor verspricht im Untertitel nichts weniger als eine Neue Wissenschaft. Um es kurz zu machen: das Neue an seiner Wissenschaft des pleasure ist ein Begriff , und diesen Begriff verwendet er auch noch falsch.
Herr Bloom ist mächtig stolz auf sein revolutionäres ESSENCE-Konzept. Es besagt: ... that pleasures arise as accidental by-products of what we call an essentialist cast of mind. (Seite 8). Das heißt, dass wir beim Genuss einer Sache weniger die Oberfläche beachten, als vielmehr das, was es w i r k l i c h ist, eben sein Wesen. Ein Beispiel: Leute bezahlen Unsummen für Gegenstände, die mit Berühmtheiten wie John F. Kenndy oder Marilyn Monroe in Kontakt waren (z.B. ein Brief von JFK). Oberflächlich betrachtet sei dies nichts als ein beschriebenes Stück Papier, aber die essence sei eben, dass es vom one and only JFK stamme, und es sei diese hidden essence, die uns den Genuss des Besitzes gebe.
DIeses Prinzip der hidden essence verfolgt der Autor nun durch alle menschlichen Bereiche: von Essen/ Trinken bis hin zu Kunst und Sex. Seine Argumentation ist dabei erstens vorhersehbar, und zweitens seltsam konfus, denn der Text wirkt beim Lesen wie eine Aneinanderreihung von NOtizzetteln: sprunghaft, ohne innere Linie.
Mein Hauptkritikpunkt ist aber ein inhaltlicher: sein Begriff ESSENCE ist ein klassischer misnomer, eine Fehlbenennung. Wenn ich ein Autograph von JFK oder Thomas Mann für viel Geld erwerbe, und dieses genieße, dann ist es eben nicht die Essenz des Briefes, die ihn für mich so wertvoll macht, sondern es ist etwas Hinzugekommenenes: die BEDEUTUNG, die dieses Stück Papier für mich hat (dass diese Bedeutung sozial generiert sein mag, weil die Gesellschaft JFK oder Thomas Mann für ganz GRoße hält, tut an dieser Stelle nichts zur Sache). Denn Essenz ist etwas, das einem Ding an sich zukommt, seine - philosophisch gesagt - intrinsische Natur, unabhängig von etwaigen Beobachtern und deren zufälligen Urteilen. Wer Thomas Mann oder JFK nicht kennt, für den ist ein Brief des großen Mannes vollkommen ohne Bedeutung, nicht mehr als ein beschriebenes Stück Papier, also kann es nicht die ESSENZ des Briefes an sich sein, die mein Belohnungszentrum im Kopf aktiviert.
Würde man daher jedes Mal, wo der Autor ESSENCE schreibt, diesen Ausdruck durch MEANING ersetzen, dann wäre alles, was er so schreibt, erstens völlig korrekt, und zweitens völlig banal, altbekannt - jedenfalls keine New Science ! Denn dass unser Gehirn ein Organ ist, das alle eintreffenden Sinnesdaten nicht bloß eins zu eins abbildet, sondern sie mit Bedeutung auflädt, von einfachen geometrischen Figuren (daher ja die optischen Täuschungen) bis hin zu kulturell kodierten Farbklecksen von Jackson Pollock, das ist bekannt, und wurde schon oft detailliert beschrieben, und zwar besser als in diesem Buch.