Vielen Spielern, die seit langem eine fundierte Abhandlung über Alt-Benoni, Schmid-Benoni und sonstige geschlossene Benoni-Typen (also ohne Wolga-Gambit und Modernes Benoni) suchen, wird dieses fundamentale Buch ihrer Aufmerksamkeit wegen des irreführenden Titels wahrscheinlich entgehen. Dabei handelt es sich hier im Grunde genommen um nichts weniger als die fundierteste und beispielhafteste Aufarbeitung einer zu wenig beachteten Eröffnung. (Der Autor begründet übrigens den Titel damit, daß er Spielern mit wenig Zeit ein solides Repertoire an die Hand geben möchte, insbesondere wenn Weiß auf 1. d4 Sf6 den Zug 2. c4 folgen läßt.)
Das in Englisch geschriebene Buch ist im Hinblick auf das Layout vielleicht nicht ganz optimal aufgemacht, aber angesichts fehlender Alternativen ist dies ein leicht zu verkraftendes Menetekel. Ansonsten ist das Material übersichtlich in verschiedene Kapitel gegliedert, abhängig davon, welchen Aufbau Weiß wählt. Die analytische Arbeit ist präzise, vorbildlich und zudem voller praktisch unerprobter Empfehlungen, die noch ihrer Feuertaufe harren. Wichtiger erscheint indes noch, daß die strategischen Grundsätze dieser Eröffnung, mit denen geschätzte 98% der Weißspieler praktisch kaum vertraut sind, gründlich erläutert werden und erheblich zum Spielverständnis dieses Systems speziell aus schwarzer Sicht beitragen.
Ein weiteres Kapitel widmet Schwarz dem sofortigen 1. ... c5, um beispielsweise dem Trompowsky-Angriff aus dem Weg zu gehen. Palliser meint zwar, daß die weißen Chancen auf Vorteil hier größer sind, spart aber auch hier nicht mit verläßlichen Varianten und wichtigen Erläuterungen. Zur Untermalung der diversen Systeme sind zudem viele aktuelle Partien beigefügt - einige davon sogar auf Weltklasseniveau. Namhafte Spieler wie Aronjan oder Nisipeanu vertrauen dieser Eröffnung zumindest als Überraschungswaffe - ein deutlicher Beleg dafür, daß sie spielbar sein sollte und Schwarz gar nicht so üble Gewinnchancen einräumt, wenn sich Weiß nicht gut auskennt (und das ist recht häufig der Fall!).
Als letztes gibt der Autor dem Nachziehenden noch einige Ratschläge mit auf den Weg, falls Weiß nicht 2. c4 zieht. Dies ist im Grunde genommen schon erstaunlich genug, da es mit dem eigentlichen Thema des Buches wenig zu tun hat - trotzdem sind dies ganz praktikable Tipps. Weitere Anschaffungen, um dem Londoner System, dem Trompowsky-Angriff und ähnlichen Damenbauerspielen begegnen zu können, lassen sich wohl nicht vermeiden, aber das gilt ja für jeden Spieler, der auf 1. d4 mit 1. ... Sf6 antwortet - ganz gleich, welche Eröffnung er nun favorisiert.
Zum Schluß sei ein persönlicher Kommentar gestattet: einen meiner Vereinskollegen, der ein Faible für geschlossene Benoni-Stellungen hat, machte ich auf dieses Buch aufmerksam. Seine Skepsis war angesichts des irreführenden Titels, als ich es ihm zur Ansicht auslieh, zunächst groß, aber als ich ihn das nächste Mal sah, bestand er darauf, daß ich ihm das Buch sofort zu verkaufen hätte ...!
Es ist daher wohl nicht übertrieben, zu behaupten, daß Palliser DAS neue Standardwerk über geschlossene Benoni-Formationen verfaßt hat. Zusammen mit der empfehlenswerten DVD "The ABC of the Czech Benoni" von Andrew Martin ist der Schwarzspieler vollauf für die nächsten Partien gegen 1. d4 gerüstet.