House of Night - eine Serie, die immer einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlässt. Einerseits ist die Geschichte rund um Zoey ungemein spannend, bietet gute Unterhaltung, ist witzig, hält einige überraschenden Wendungen parat und erweitert das manchmal schon sehr ausgelutschte Vampirgenre um ein paar nette Innovationen. Diese positive Impression bekommt jedoch spätestens dann den ersten Knacks, wenn die Protagonistin den Mund aufmacht. Oder auch einer ihrer Kameraden etwas zu Sache beizutragen hat und man sich als Leser einfach nur fragt, ob die sich, wenn schon inhaltlich nicht, dann doch zumindest vom sprachlichen Niveau etwas gelungener artikulieren könnten? Dieser "Jungendstil", wahrscheinlich überwiegend Tochter Cast zu verdanken, ist das leidige Thema, das sich durch alle Teile zieht und mit dem man einfach leben muss. Unterm Strich war ich also sehr neugierig, was "Erwählt" zu bieten hat.
Zoey feiert ihren siebzehnten Geburtstag - an Weihnachten - und ist alles andere als glücklich darüber, dass ihre Freunde ihr nur Geschenke zu diesem Anlass machen. Vielmehr aber noch hat sie mit den Tod und der Wiederauferstehung ihrer besten Freundin zu kämpfen. Doch leider kann sie dieses Geheimnis und die Tatsache, dass ihre Mentorin Neferet irgendwie dahintersteckt, niemanden anvertrauen. Und so muss sie auch die schwierige Aufgabe, nämlich die Rettung der untoten Stevie Rae, zunächst alleine bewältigen. In dieser dunkelsten Stunde naht allerdings Hilfe - von überraschender Seite. Zoey hat nebenbei aber noch ganz andere Sorgen. Eine Lehrerin von ihr wird grausam ermordet und gleich drei Männer machen ihr den Hof. Es gilt, so einige Probleme zu bewältigen...
Jaaa, das Männer-Liebeskarussell geht in die nächste Runde und alle, die es bisher schon toll fanden, wie Zoey sich entweder mit rauchendem Schädel oder in völliger Ekstase NICHT dafür entscheiden konnte, was sie will, ja, die dürfen sich jetzt mit freudestrahlendem Gesicht die Hände reiben, denn es geht fröhlich so weiter. Und dieses Mal noch einen Zacken schärfer, denn, wie ich in meiner Rezension zum zweiten Teil schon orakelt hatte, kommt es zur Defloration der Auserwählten. Es gab ja ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den folgenden Kandidaten:
1) Erik, der offizielle Freund von Zoe, ist der absolute Schulschwarm und müsste eigentlich die besten Karten haben. Er ist verständnisvoll, aufmerksam, sieht gut aus und ist fast schon ein bisschen langweilig.
2) Heath, der Ex oder auch der Geprägte, ist ja schon seit der dritten Klasse die große Liebe. Er ist ein bisschen trottelig, aber ansonsten ein ganz Lieber. Er ist in letzter Zeit ein bisschen anhänglich geworden, dafür schmeckt sein Blut echt klasse. Praktisch, dass er bereitwillig jederzeit etwas davon spenden möchte.
3) Loren Blake hat die Runde erst jüngst betreten, dafür aber so einiges zu bieten und wenn ich auch persönlich nicht so auf schwülstige Reime stehe, schafft der Meisterpoet es trotzdem, Frauenherzen im Sturm zu erobern. Rein optisch macht er natürlich ebenfalls einiges her und so ein erwachsener Mann hat ja seine ganz eigenen Reize.
Wer es schließlich wird, will ich an dieser Stelle nicht verraten. Es kommt bei allen Dreien immer mal wieder zu Situationen, wo es hätte klappen können und lediglich die eine oder andere Einmischung von Außen hat das Schlimmste verhindert. Ich persönlich frage mich natürlich, wie es Zoey überhaupt so lange geschafft hat, nicht schwach zu werden. 17 Jahre lang lief gar nichts und in den paar Wochen im Internat spielen ihr Hormone so völlig verrückt. Zumindest gesteht sie sich den Verdacht, den einige Leser bestimmt von ihr haben, selbst ein: (Zitat S. 118) Ich glaub, ich bin ein F*******! - Mhm-hm
Aber es gibt natürlich noch eine Handlung abseits der Liebe, wenn auch der Stellenwert nicht so hoch ist. Stevie Rae ist zu einer Art Zombie mutiert und hat sich nicht nur optisch verändert. Zoey merkt jedoch, dass ihre beste Freundin noch irgendwo unter dieser Hülle steckt und gerettet werden kann. Deswegen plant sie eine 1-Mann-Rettungsaktion. Ich war im letzten Band sehr überrascht, als die Autorinnen den mutigen Schritt gewagt haben, eine wichtige und bei vielen Fans bestimmt beliebt Person sterben zu lassen, zumindest so früh im Verlauf der Reihe. Irgendwie scheinen sie es dann doch bereut zu haben, denn das eigentliche Problem wird viel zu schnell und simpel gelöst.
Die Ermordung der Lehrerin allerdings ist wirklich zu kurz geraten. Bis auf die sehr detaillierte Beschreibung der Entdeckung der Leiche inklusiver einiger Rituale wird die ganze Thematik auf das kommende Band verschoben, wahrscheinlich, weil diese Tat noch größere Konsequenzen nach sich zieht. Als Leser ist es natürlich unbefriedigend, wenn nach Beendigung noch so viele Baustellen offen gelassen werden.
Jetzt allerdings mal ein paar positive Entwicklungen, denn die drei Stern kommen nicht von irgendwoher. Ich mag Aphrodite; sie hat sich von der eindimensionalen Bösen und zu einem facettenreichen Charakter entwickelt. Ihr Handeln ist nie vorhersehbar und wenn sie auftaucht, steigt der Unterhaltungswert um ein Vielfaches an. Sie kann sogar über die Antipathie von Zoeys Clique hinwegtrösten, die in diesem Band einfach nur nerven. Es wird auf höchstem Niveau herumgezickt und man ist tief in seiner Ehre gekränkt, weil Zoey ein paar elementare, aber durchaus nachvollziehbare Geheimnisse für sich behält. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr und da lobe ich mir doch Aphrodite, die sich selbst wenigstens treu bleibt.
Zoey ist nach wie vor ein zweischneidiges Brett; ich mag sie irgendwo und kann ihr konfuses Handeln und die überschwappenden Gefühle in gewisser Weise nachvollziehen. Sie versucht erwachsen zu werden, scheitert jedoch meistens kläglich, was sich schon an ihrer kindlichen Naivität gegenüber Weihnachts- und Geburtstagsgeschenken zeigt. Und bei den Männern. Nyx scheint jedoch fest an sie zu glauben und belohnt sie auch dieses Mal wieder fleißig mit neuen Tattoos. Wenn das so weiter geht, ist sie noch vor ihrer Volljährigkeit ganzkörper-tattoowiert.
House of Night lässt sich am besten mit Fast Food vergleichen. Es ist geschmacklich nicht überragend und viel zu teuer (die 17 Euro lassen sich überhaupt nicht rechtfertigen; die 400 Seiten kommen nur zusammen, weil die Schrift viel zu groß ist und die Lesenproben, die man übrigens kostenlos im Internet bekommt, alles in die Länge ziehen). Nichtsdestotrotz konsumiert man es doch wieder, weil es süchtig macht. Und anders kann ich mir die Vorfreunde auf den kommenden vierten Teil nicht erklären. Oder warum ich trotz der oben genannten Mängel immer noch einen so verhältnismäßig guten Gesamteindruck von "Erwählt" habe.