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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Heimkehr ins Wurzellose,
Von Francis Pierquin (Vernouillet, France - fspierqu@club-internet.fr) - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Hotel Savoy: Roman (Taschenbuch)
Gabriel Dan, Sohn russischer Juden, der in Wien großgeworden ist, betritt im Herbst 1919 nach langem Fußmarsch wieder die europäische Bühne. Er ist Kriegsheimkehrer und kommt aus russischer Gefangenschaft. In der Stadt, in der er anlangt - und die auffallende Züge mit Lodz aufweist -, steigt er im Hotel Savoy ab. Dieses Riesenhotel umfasst 864 Zimmer - je höher gelegen, desto schäbiger. Im Hochparterre wohnen die Herrschaften, im siebten und letzten Stockwerk armselige Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Gabriel Dan bezieht Zimmer 703 im 6. Stock. Dieses Zimmer kann er sich allerdings nur deswegen leisten, weil sein reicher Onkel Phöbus Böhlaug, der in einer vornehmen Vorstadtvilla wohnt, es nicht vermeiden kann, ihm mit einer Geldsumme und einem abgetragenen Anzug auszuhelfen. Im Hotel, insbesondere im letzten Stockwerk, lernt Gabriel allerlei Gestalten kennen, die sich irgendwie weiterwursteln, wie etwa die Variété-Tänzerin Stasia, den Clown Wladimir Santschin oder auch den Juden Hirsch Fisch. In der Bar des Hotels verkehren aber auch die reichen Industriellen der Stadt wie der Fabrikbesitzer Philipp Neuner oder der Anilinfabrikant Herr Kanner, deren Angewohnheit es ist, nackt auftretende Tänzerinnen zu zwicken. Indes bricht in der Fabrik des Herrn Neuner ein Streik aus, derweil der Strom der Kriegsheimkehrer nicht abreißt. Die Stimmung in der Stadt wird immer gereizter. Alles scheint nur noch auf Henry Bloomfield zu hoffen, den Sohn des Jechiel Blumenfeld, der es in Amerika zu großem Reichtum gebracht hat und der dann und wann seine alte Heimatstadt zu besuchen pflegt. Als Bloomfield mitsamt Sekretär und Leibfriseur tatsächlich im Hotel Savoy absteigt, wird er sofort von allerlei Besuchern und Bittstellern umlagert. Um derer Herr zu werden, stellt er Gabriel Dan als zweiten Sekretär ein. Die geschäftlichen Angebote und Hilfsgesuche nehmen kein Ende, so dass selbst ein Henry Bloomfield sie nicht alle befriedigen kann. Ernüchterung und Enttäuschung machen sich breit, und viele fragen sich, wozu er eigentlich gekommen sei. Nur einige arme Bettler wissen es, auch Gabriel Dan kommt aus Zufall dahinter: Henry Bloomfield liegt es hauptsächlich daran, das Grab seines alten Vaters Jechiel Blumenfeld aufzusuchen, denn: „Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben". Indes eskaliert der Streik der Fabrikarbeiter, und der weiter anwachsende Strom der Heimkehrer tut ein übriges dazu, die Unzufriedenheit zu schüren, während zu allem Übel Typhus ausbricht. Bald nachdem Henry Bloomfield abgereist ist, kommt es denn auch zur gewaltsamen Entladung, in deren Verlauf das Hotel Savoy abbrennt. Viele Opfer sind zu beklagen. Gabriel Dan, der in der Stadt nichts mehr verloren hat, reist mit dem erstbesten Zug westwärts weiter. „Hotel Savoy", einer der ersten Romane Joseph Roths, erschien 1924. Dem Konzept und dem Stil nach ist er späteren Werken aber bereits so gut wie ebenbürtig. Bemerkenswert ist die Seelenlage des entwurzelten, ehemaligen Frontsoldaten, der sich nicht nur in das Los anderer Heimkehrer, Proletarier, armseliger Menschen und sonstiger Revolutionäre einzufühlen vermag, sondern gleichzeitig und nahezu auf das Selbstverständlichste Sekretär des Millionärs Henry Bloomfield wird. Auch das Leben und Treiben der reichen Industriellen der Stadt sowie das der ärmlichen Kaftanjuden, die versuchen, sich mit Valuta-Geschäften über Wasser zu halten, bleibt ihm nicht fremd. Das eine oder andere Mal verkehrt er in deren jeweiligen Kreisen und teilt, wenn auch nur zeitweilig, hautnah deren Schicksal. Dies machen die Stellung und der Blickwinkel des gesellschaftlich Entwurzelten und des zugleich Feinfühligen möglich. Einem anderen Autor wäre solche sozialkritische Durchleuchtung eher aus dem sicheren Abstand der dritten Person gelungen. Joseph Roth schafft es aufs Glaubwürdigste in der ersten Person. Es ist dabei ein Künststück des Gabriel Dan - und des Joseph Roth -, dass trotz aller Einfühlung kritische Distanz, aber auch kritische Sympathien niemals verloren gehen. Dies nicht zuletzt dank des eigenartigen Stils : knapp und sachlich und zugleich sachte lyrisch. All dies Eigenschaften, die sich in Joseph Roths späteren, bekannteren Werken wiederfinden sollten. Nicht zuletzt die jüdische Thematik, die in solchen Werken wie „Juden auf Wanderschaft" oder „Hiob" noch zu Glanzleistungen kommen sollte, ist in „Hotel Savoy" schon im Keim enthalten.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das Hotel Savoy als Vorhof des Paradieses - leider eine Sackgasse,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hotel Savoy: Roman (Taschenbuch)
"Zum ersten Mal seit fünf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas," schreibt der Kriegsheimkehrers Gabriel Dan, der am Ende des ersten Weltkrieges wie Hunderttausende anderer aus der russischen Gefangenschaft in ein Europa heimgekehrt , in dem nichts mehr so ist wie es vor dem Krieg einmal war. Allerdings bietet dieses Europa an seiner Peripherie eine wenig einladende Außenansicht. Wir befinden uns im Osten Polens in einem Ort "voll verwahrloster Gehöfte, freien Plätzen, auf denen Schutt und Mist lagerte und die Schweine grunzten. Grüne Fliegenschwärme summten um Haufen dunkelbraunen Menschenkotes. Die Stadt hatte keine Kanäle, es stank aus allen Hausern."(S. 34). Das hört sich übel an. Aber gottlob gibt es noch das Hotel Savoy "mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und seinem livrierten Portier. Es verspracht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nachtgeschirre , elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schälchen erglühend wie Kelche, und Betten, daunengepolsterte, schwellend und feurig bereit, den Körper aufzunehmen."(S. 5)Damit sind die Pole des Romans gekennzeichnet. Der düstere Ort, das Inferno, und das Hotel Savoy, der Vorhof des Paradieses, auch wenn dieser Vorhof zum Paradies zweigeteilt ist, in die guten unteren drei Stockwerke, in denen tatsächlich Stubenmädchen wirken und die ärmeren oberen Stockwerke, in der die zahlungsklammen Gäste ihre Koffer verpfänden müssen, wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen können. Das wahre Paradies aber winkt im Westen, in Berlin oder Paris, von denen die Protagonisten träumen, ohne dass die meisten sich diese Reise wirklich leisten können. Stattdessen kommen immer neue abgerissene von der Revolution infizierte Jammergestalten aus den Tiefen Russlands in die heruntergekommene Stadt, es kommt zu Streiks und Konflikten, am Ende sogar zu Schießereien und Tod. Ein vermeintlicher Milliardär Bloomfield, der aus Amerika anreiste um das Grab seines Vaters zu suchen und an den jeder seine Hoffnungen knüpft, reist bei Nacht und Nebel wieder ab. Auch Gabriel Dan reist ab, nachdem er seinen Freund verloren und seine Liebe nicht hat erringen können - er reist ab nach Westen einem ungewissen Schicksal entgegen. Das ist im Wesentlichen der Roman, der von Kolorit und Atmosphäre lebt, ohne dass sich Joseph Roth bereits auf der Höhe seines Könnens etwa von Radetzkymarsch" befände. Es ist der zweite Roman des Autors, eigentlich nur eine etwas längere Erzählung, in dem Roth seine prägnante Sprache noch sucht. Durchaus lesenswert als ein Portrait des untergehenden Osteuropa, aber doch noch eher eine Skizze, die den späteren Meister in Umrissen erkennbar werden lässt, ihn aber noch nicht wirklich zeigt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schmelztiegel der Schicksale,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Hotel Savoy (Taschenbuch)
Joseph Roth, 1894 geboren, schreibt sich die vielen Geschichten von der Seele, die ihm das Leben vorspielt - so kommt es einem bei dieser Lektüre vor. Viele ungewöhnliche Geschichten treffen sich im „Savoy" und werden vom ungewöhnlichsten von allen hoch - und wieder hinuntergefahren: der Fahrstuhlführer, der heimlich Hotelbesitzer ist, ist die Schaltstelle vieler kleiner Schicksale, die täglich im Hotel Savoy beginnen, sich kreuzen und enden. Stasia, die von dem Erzähler Gabriel Dan unglücklich verehrt wird, ist Kabarettänzerin; ein Clown wohnt hier, ein Revolutionär (unbelehrbar), ein Koch - aber auch die damalige High Society, die hofft, dem sagenumwobenen Besitzer des Hotels, einem gewissen Bloomfield, als erste ihre Offerten unterbreiten zu können... Über dem ganzen Trubel schwebt eine leise Sentimentalität, die das Buch sehr lesenswert macht und von ähnlichen Milieuschilderungen eines Hans Fallada oder Leonhard Frank abhebt. Das Gefühl jedoch, hier wolle jemand Mitleid im großen Stile vermitteln wollen, seine Figuren in gut und böse unterteilen - hier fehlt es völlig; dafür bin ich dem Buch sehr dankbar. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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