"Das Ärgerliche an all den Scheidungen ist die Tatsache, daß man sich wieder neu einrichten muß..." - mit diesem doch recht interessanten Blickwinkel eröffnet Ernest das "Hotel Pastis" ...
Robert Mayle steht eigentlich immer für intelligente, amüsante Unterhaltungsliteratur: ganz gleich, ob sein neuestes Buch "Encore Provence" oder die älteren wie "Toujours Provence" oder eben sein bekanntestes "Hotel Pastis". Der Autor schreibt in pointierter, kurzweiliger Art über sein Lieblings- (und damit Haupt)thema: die Provence, die Franzosen und ihr Savoir vivre sowie Frankreich allgemein und eben wieder die Provençalen ...
Mayle selbst ist nicht etwa Franzose sondern Engländer, der -großstadtmüde- vor einigen Jahren seinen hochdotierten und stressigen Job als Werbefachmann in London aufgab und -suchend nach dem perfekten Landleben- in der Provence fündig wurde. Seine Romane über das Leben in einem südfranzösischen Dorf mit all seinen Alltagstücken und den liebenswert-schrulligen Bewohnern sind ständig auf den Bestseller-Listen zu finden und eben -gerade auch für die Urlauszeit- die perfekte Unterhaltung: nicht zu "seicht", aber auch nicht zu anstrengend - genau das, was man/frau sich zur Entspannung erträumt und gut abends auf der Terrasse bei einem Glas (provençalischen) Rosé lesen kann und dabei parfois auch laut lachen ... Nicht zuletzt sind seine Bücher ein Muß für alle Provence-Reisenden (und Frankreich-Fans;-) und -wie das Time Magazin treffend bemerkt- ist der Autor "... so etwas wie ein Wunder... er nimmt seine Umgebung mit seiner unwiderstehlichen Prosa auf: die Freuden eines gesegneten Klimas, die strahlende Sonne und eine hervorragende Küche"...
Im "Hotel Pastis" (Original 1993 erschienen, Übersetzung 1994) verarbeitet Mayle mehr oder weniger seine eigene Geschichte, auch wenn er im Vorspann mitteilt, daß alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Ereignissen rein zufällig wären;-)
Der gestresste Werbe-Manager Simon Shaw ist Anfang vierzig, frisch geschieden von einer geldsüchtigen nervenden Dame, daher etwas lädiert, hat einen nicht weniger nervenden Job in einer gut laufenden Agentur und als neue Bleibe eine grottenhäßliche Mietwohnung in Londons City - sowie -einziger Lichtblick- einen netten Butler, der sich permanent um sein Wohlergehen sorgt - und natürlich auch dafür, daß Shaw den Whisky nicht aus der Tasse trinkt;-) Simon stellt bald fest, daß er Job und Privatleben gründlich satt hat - und macht einen Kurzurlaub in der Provence... par hasard macht er die Bekanntschaft der aparten Französin Nicole (ebenso nett wie pleite und natürlich geschieden;-) - und diese ihm ein verlockendes Angebot... ein verfallenes Gebäude als romantisches, luxuriöses Hotel wiederzueröffnen... Simon kann dieser Vorstellung (und Nicole ;-) nicht lange widerstehen und so gibt er seinen Job in London auf und zieht mit seinem Butler Ernest in das verschlafene Provence-Nest Brassière-les-Églises - um die Hotel-Pläne Gestalt werden zu lassen...
Als Leser(in) läßt uns Mayle teilhaben an all den Sorgen und Problemen eines Hotelbaus, angefangen von Maurersuche und stressige Architekten über Kochrezepte bis hin zur Auswahl von Springbrunnen und Gartenmöbeln - und dabei erfahren wir ein ganzes Stück vom Leben in der Provence und vor allem von ihren Menschen - ihren Lieben und Sorgen gleichermaßen - ganz nebenher wird noch ein Kidnappingfall gelöst und diverse bankraubende Radsportler bevölkern die Seiten - also kurzweilige Unterhaltung ist garantiert. Dabei kommt die Lebenslust nicht zu kurz: gut Essen und Trinken sind Hauptthemen bei Mayle- und ein guter Wein in der Provence ist allemal mehr wert als ein schlechter Tee in London;-)
Neben all der netten Unterhaltung regt der Autor zugleich jedoch zum Nachdenken an: über Wichtigkeiten und Wichtungen im Leben, über Prioritäten - die gesetzt werden müssen - oftmals richtig, aber auch falsch - und über Entscheidungen, die man/frau sich manchmal nicht traut und das später bereut - über die zahllose Arbeit, die man/frau hat und darob vielleicht das L(i)eben vergißt oder vergessen hat - über Glück und Unglück - also, kurzum, das, was das reale Leben ausmacht...