Aus der Amazon.de-Redaktion
Mari ist 17, führt gemeinsam mit ihrer Mutter ein Hotel in einem kleinen Badeort. Jenen Mann, von dem sie spricht, lernt sie im Hotel kennen. In einem heftig eskalierenden Streit wirft eine Prostituierte ihm perverse sexuelle Neigungen vor. Der Mann, Übersetzer, hat "seine besten Jahre bereits hinter sich", "seine Hände... voller Altersflecken... Es ging etwas Verführerisches von ihnen aus." Mari folgt dem alten Mann.
Es ist ein ganz ungewöhnliches Buch, dessen äußeres Erscheinungsbild in so krassem Widerspruch zu seinem inneren Wirken steht: Kleinformatig ist es, 200 Seiten, kurze Kapitel auffällig knappe Sätze, klare, unmissverständliche Aussagen, die manchmal geradezu wie unscheinbare Perlen hintereinander aufgereiht wirken. Ein Buch, das mit zwei fest umrissenen unspektakulären Schauplätzen auskommt: das Hotel und das Haus des Übersetzers auf einer kleinen, einsamen Insel, die "wie ein lauschend an das Meer gelegtes Ohr" wirkt.
Der Inhalt des Buches jedoch spricht so viele Sprachen, zieht in seiner sich erst langsam erschließenden Vielschichtigkeit in einen mächtigen Sog und hallt lange nach. Die Begegnung der 17-Jährigen mit jenem alten Mann, ihre Briefe, Gespräche und ihre außergewöhnliche Liebesbeziehung: All das ergibt zutiefst berührende Psychogramme zweier Menschen, die allein sind, jeder auf seine eigene Art. Der alte Mann, der Frauen kauft, um sich zu vergewissern, dass "es mich noch gibt" und das junge, erstmals heftig verliebte Mädchen, das sich "weit auf das Meer hinausgewagt" hat, "dorthin, wo meine Mutter mich nicht finden konnte". Ein dramatischer Start in ein junges Leben.
Unendlich sensibel dringt Yoko Ogawa in die Psyche Maris ein, legt zugleich ohne Tabus auch das gescheiterte Leben und die Angst eines alten Mannes mit so viel Geschick frei, dass auch an den freizügigsten Stellen nie Grenzen überschritten werden. --Barbara Wegmann
Die Zeit, 18.07.2002
Berliner Zeitung, 15.12.2001
WDR 2 Buchtipp, 02.11.2001
Buchkultur (Wien), Feb/März 2002
Nürnberger Nachrichten, 12.11.2001
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Auszug aus Hotel Iris. Roman. von Yoko Ogawa. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich war gerade dabei, die Kasse abzuschließen und das Licht im Foyer auszuschalten, ehe ich mich wie immer um diese Zeit auf mein Zimmer zurückziehen wollte, als plötzlich ein Poltern zu hören war, als ob etwas Schweres zu Boden fiele, gefolgt vom Schrei einer Frau. Es war ein lang anhaltender Schrei. So anhaltend, daß ich mich schon fragte, ob es sich nicht in Wirklichkeit um Gelächter handelte.
Aus Zimmer 202 kam eine Frau gestürzt. Es handelte sich eindeutig um eine Prostituierte. Soviel konnte sogar ich erkennen. Und sie war nicht mehr jung. Ihr Haar hing strähnig und wirr um ihren faltigen Hals, und greller Lippenstift war über die Hälfte ihres Gesichts verschmiert. Durch Schweiß und Tränen war ihr die Wimperntusche in die Augenwinkel gelaufen. An ihrer Bluse fehlten mehrere Knöpfe, so daß ihre linke Brust entblößt war. Ihr Minirock ließ ihre leicht geröteten Oberschenkel unbedeckt, die in mir die Vorstellung erweckten, daß sich bis vor einem Augenblick noch die Hände eines Mannes auf ihrer Haut nach oben getastet hatten.
Als einzige Antwort auf ihr Gezeter wurde aus dem Zimmer ein Kissen geschleudert, das sie mitten ins Gesicht traf, worauf sie noch einmal wütend aufschrie. Der Bezug des Kissens, das nun auf dem Treppenabsatz lag, war mit Lippenstift beschmiert. Durch die Beschwerden der Gäste entstand zusätzlicher Tumult.
Nur Zimmer 202 atmete tiefe Stille.
Von dem Mann, der sich offenbar darin befand, war nichts zu sehen. Er hatte auch noch kein einziges Wort gesagt. Einzig die bösen Blicke der Frau und die aus dem Zimmer geschleuderten Gegenstände belegten seine Existenz. Die Frau kreischte weiter in die schweigende Öffnung hinein. Da geschah es.
»Schweig, Hure!« durchdrang eine Männerstimme den Raum. Alle verstummten. Die Stimme hatte einen vollen, tiefen Klang, bar jeder Gereiztheit oder Wut, und einen überlegenen Tonfall. Wie wenn der erste Ton eines Cellos oder Horns sich aus der Stille erhebt.
Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.