In einem tiefen, dunklen Wald steht ein großes Hotel, in das sich nur wenige Gäste zu verirren scheinen. Das Personal wirkt im hellen Licht mürrisch und bekommt, wenn es dunkel wird, einen hämischen bis boshaften Anstrich. Die Geräusche im nächtlichen Wald sind unheimlich. Verstummen sie, scheint etwas auf der Lauer zu liegen. Die dichten Bäume bergen eine Höhle, in dem die Waldfrau ihr Unwesen treiben soll. Ein Mädchen ist spurlos verschwunden. Das junge, blonde und unschuldige Mädchen Irene nimmt ihren Platz ein. Sie trägt ein Kreuz als Talisman und schläft in einem schneeweißen Nachthemd in einer schäbigen Kammer. Sie ist ganz allein, ihre Eltern sind weit fort, sie ist etwas ängstlich, aber auch tapfer. Durch die Brille des verschwundenen Mädchen sieht sie ihre Umgebung aus einem fremden Blickwinkel. Unberührt geht sie durch die dunklen Gänge des Hotels und wird immer wieder magisch vom Wald angezogen, der sie zu locken scheint. Da lernt sie einen jungen Mann kennen. Sie verliert ihre Unschuld. Ihre Kette mit dem Kreuz gibt sie weg. Jetzt hat sie keinen Schutz mehr und der Wald gewinnt Macht über sie...
Mit "Hotel" wird ein uraltes Märchen in moderner, unterkühlter Form erzählt. Wie in allen guten Geschichten, bleibt viel Raum für eigene Phantasie und Kreativität. Das Ende bleibt offen. Vielleicht ist der Wald Irenes Untergang, ihr Verdammnis - vielleicht aber auch die Befreiung aus einem tristen, kleinen Dasein und der Weg in ein spannenderes Leben. Oder es ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Der Übergang in eine Welt, in der die Märchenfiguren ihren Zauber und ihre Magie einbüßen und die Erkenntnis reift, dass der Mensch sich nicht vor Hexen und Dämonen fürchten muss, sondern vor so manchen Mitmenschen.
Jessica Hausner hat mit diesem Film ein kleines, stilles Meisterwerk geschaffen, das alle Register, vom vagen Unbehagen bis hin zu Angst und Panik, zieht. Mit einer hart an dem Mädchen bleibenden, manchmal sogar attackierenden Kamera und einer surreal wirkenden Umgebung, die wie ein Bann wirkt (aus dem das Mädchen nur ausbrechen kann, wenn es auf den "Prinz" in der Disco trifft), schafft sie es, die rege Phantasie des Betrachters zu entfachen. Denn, alles was uns so ängstigt, entsteht ja nur in unserem Kopf und nicht im Film. Das macht seine Klasse aus. Dieser Film ist das krasse Gegenteil von sogenannten Splatter-Filmen, bei denen man seine Phantasie getrost ins Koma schicken kann. Dass auch gemäßigte Horrorfans enttäuscht sein können, liegt eben daran, dass hier ein einfaches Märchen erzählt wird. So ist, Hotel hin oder her, besonders auch ein Vergleich mit "Shining" wenig hilfreich.
Dieser Film überzeugt außerdem durch eine durchweg gute Besetzung und durch eine sehr spezielle subtile Handschrift, die den Österreichern so schnell keiner nachmacht. Kompliment an unsere Nachbarn!