"Seine Verse sind sehr emotional und dabei sehr intellektuell.", schrieb die NZZ über Joachim Sartorius einmal (aber nicht zu diesem Buch). So kann man es natürlich auch sagen. Allerdings blendet die Aussage einen Moment aus, der meiner Meinung nach entscheidend ist. Joachim Sartorius' Gedichten fehlt der Boden. Das ist für mich nicht weiter erstaunlich, wenn man seine weit verstreute Biographie liest: 1946 in Fürth geborener Sohn eines Diplomaten, Tunesien, Kongo, Kamerun, Abitur in Bordeaux, Studium in München, London, Strassburg und Paris, dann selbst im diplomatischen Dienst tätig, Kulturattaché in New York, später in Ankara und Nikosia, seit 2001 Intendant der Berliner Festspiele. - Was bleibt sind die Eindrücke eines Beobachters, eines Fremden, wie schon der Titel des neusten Gedichtbandes (Hôtel des Étrangers) klar macht. Es geht um Bilder, Verlangen und Qual, was man dem vorangestellten Motto von Octavio Paz entnehmen kann. Das zieht sich konsequent durch die vier Abteilungen des Werkes. So wünscht sich der Dichter "Erinnerungen, die sich aus der Vergesslichkeit befreien" (Die Nacht vor dem PC) und eine "Leere und Weite, Empfänglichkeit für die Vielheit der Welt", die man aber nur in Gestalt einer "blonden Locke" umarmen kann (Vaucluse, einsames Leben). Die Qual des Schreibens, des Festhaltens, des Erinnerns und der Transformation taucht in "Beim Schreiben" auf. Dort heisst es: "Das Gedicht versteht mich nicht." Und: "Der Traum quillt im papiernen Dickicht hoch, der Schmetterling, ein Gespenst der Raupe. (...) Mein Gesicht im Fensterglas: Ein von Lamellen schraffierter weisser Schmetterling." - Grösseren Umfang nehmen die weiteren drei Abteilungen in Anspruch. Bei "Einige Bildgedichte" und "Städte des Ostens" geht es genau gleich um Emotion und Intellekt, auch wenn der Dichter nun ein realeres Gegenüber hat, das die Beschreibung lohnt. "Kleiner Totentanz" beschliesst den Band in kontrapunktischer Manier. Während der Totentanz im Mittelalter eine Allegorie für die Gewalt des Todes über das Leben darstellte, entpuppt er sich bei Sartorius als Lied auf das Leben und die (körperliche) Liebe im Widerschein der Vergänglichkeit. Hier ist Sartorius am persönlichsten. Natürlich ist es ein wenig einfach, Joachim Sartorius (der ein richtiger "homme de lettre" wäre, wenn es das Konstrukt in Deutschland gäbe) auf diese simplen Leseempfindungen zu reduzieren. Nicht geprüft habe ich die vielen Widmungen und Verweise (u.a. Hugo Claus und Petrarca), habe jedoch keine Zweifel über deren inhaltliche Tragweite.