Dieser Büchersommer und -herbst ist voll mit Büchern und Romanen über Musiker und Musik, genannt seien hier nur Pascal Merciers "Lea", Peter Goldsworthys "Maestro" und Peter Henischs "Eine sehr kleine Frau". Unter all diesen Büchern ragt Nicola Leccas Hotel Borg" auf besondere Weise heraus, vielleicht auch deshalb, weil die Autorin sich von Anfang an der Grenzen ihres Vorhabens bewusst ist:
"Being beautous, das mag die Musik ausdrücken, in der Sprache ist Schönheit nicht auszudrücken."
Mit dieser Notiz der Dichterin Ingeborg Bachmann eröffnet Nicola Lecca einen Roman über einen jungen Mann aus Schweden namens Oscar, der sein Land verlässt, um in London im Hotel Dorchester, eines der besten am Platz, zu arbeiten. Oscar liebt die Musik und so besucht er in seiner Freizeit Konzerte in der Royal Festival Hall und lernt sie mit der Zeit alle kennen, die berühmten Dirigenten und Solisten.
Als Oscar eines Tages erfährt, daß der berühmte Alexander Norberg im Dorchester absteigen wird, versucht er verzweifelt, eine Karte für dessen seit über einem Jahr ausverkauftes Konzert zu ergattern. Das gelingt ihm nicht, doch er verfolgt die Kritiken in der Presse und erfährt in diesem Zusammenhang, daß die Berliner Philharmoniker Norberg zum Chefdirigenten ernannt haben, dieser aber zum großen Erstaunen der Fachöffentlichkeit abgelehnt hat. Es ist von Gerüchten die Rede, Norberg plane vor seinem endgültigen, für die meisten Musikkritiker völlig unverständlichen Rückzug, ein allerletztes Konzert. Oscar nimmt sich vor, bei diesem Ereignis auf jeden Fall dabei zu sein.
Ende des ersten Aktes mit dem Titel "Langeweile".
Im zweiten Akt mit dem Titel "Freiheit" schildert Nicola Lecca Alexander Norbergs Planungen seines letzten Konzertes. Er will das "Stabat Mater" von Pergolesi aufführen, und er braucht dazu zwei Menschen, und nur diese beiden dürfen es sein, wenn sein Konzert so werden soll, wie er sich das vorstellt. Er braucht Marcel Vanut, die weltweit beste Knabenstimme und Rebecca Lunardi, die er von früher kennt, eine perfekte Sängerin kurz nach dem Höhepunkt ihrer beispiellosen Karriere.
Norberg gewinnt beide für seine wirklich außergewöhnliche Konzertidee. Es wird keine Gagen geben, und nur ein kleines per Losfahren aus dem örtlichen Telefonbuch ausgewähltes Publikum aus Einwohnern Reykjaviks in Isalnd werden der Aufführung in einer kleinen Kirche dort beiwohnen, 52 Menschen an der Zahl. Ende des zweiten Aktes.
Im dritten Akt des ersten Teils des Buches mit dem Titel "Reykjavik" beschreibt Nicola Lecca, wie bis in die hohe isländische Politik hinein das Vorhaben Alexander Norbergs zunächst höchste Irritationen und dann hektische Geschäftigkeit auslöst. Weil nur 52 zufällig ausgewählte, jedoch öffentlich bekannt gemachte Bürger der Hauptstadt das Konzert besuchen dürfen, setzt eine außergewöhnliche und phantasievolle Aktivität ein, mit der alle möglichen Menschen versuchen, Karten zu ergattern und sie den Gewinnern abzukaufen.
Die Vorbereitungen des Konzerts sind intensiv und sie stehen so manches Mal auf der Kippe, weil der Maestro so ausgefeilte Vorstellungen von der absoluten Perfektion hat, die seine letzte Aufführung haben soll, daß alle daran zu verzweifeln drohen. Doch auch bei den ausgewählten Zuhörern des bevorstehenden Konzerts geht einiges drunter und drüber ...
Auch Oscar, jener Musikbegeisterte aus Schweden ist nach Island gekommen und auf eine abenteuerliche Weise gelingt es ihm tatsächlich, von einem der 52 Isländer eine Karte zu erhalten und das Konzert findet statt.
Es wird nicht nur für Alexander Norberg, sondern auch für Rebecca Lunardi und für Marcel Vanut der letzte öffentliche Auftritt ihres Lebens.
Nicola Lecca hat aus einer für sie eher zufälligen aber prägenden Begegnung mit Pergolesis "Stabat Mater" und ihrer Liebe zu Island ein außergewöhnliches Buch gemacht, das in seiner Komposition einem Theaterstück gleicht und in seiner Melodie einer Sonate.
Für Menschen mit Musikkenntnis ist dieser Roman sicher ein großer Genuß, musikalischen Laien wie dem Rezensenten hingegen wird ein wunderbarer Eindruck vermittelt von der gewaltigen Kraft und Kunst der Musik und ihrer Wirkung auf Menschen.
Ein empfehlenswertes Buch, das in einer Reihe steht mit den anfangs erwähnten Romanen.