Ja, Neil Diamond live - das ist es immer noch. Das auf der CD zu hörende Konzert habe ich praktisch gleichlautend in der Kölnarena 2008 gesehen. Der Punktabzug bezieht sich auf die Songauswahl. Zwar schon mutiger wie zu früheren Zeiten, hätte ich gerne doch noch auf den ein oder anderen nun wirklich nicht mehr hörbaren Gassenhauer (Song Sung Blue, Sweet Caroline u.ä.!!) verzichtet und statt dessen noch einen der vielen großartigen ND-Songs aus seiner langen Karriere gehört. Sei es nun noch mehr aus den letzten Alben oder aus seinem unerschöpflichen Repertoire aus der Vergangenheit. So frage ich mich ständig, warum immer mit beinahe stoischer Konsequenz das 74er Ablum Serenade außen vor gelassen wird. Sorry, das soll nicht überheblich klingen, aber würde man mir die Gelegenheit geben, eine eigene Konzert-Track-List für ein Neil-Diamond-Konzert zusammenzustellen - da wäre noch manche Überraschung dabei.
Nun soll es aber gut sein mit der Meckerei. Was bleibt, ist ein Konzert von einer sehr guten Klangqualität, welche manch lieblose dahingeschluderten Live-Mitschnitte aus der Verangenheit (z.B. Teile aus Live In America aus den 90ern) vergessen lässt. Und tatsächlich kommt so etwas wie die 72er Hot-August-Night-Stimmung auf, wenn Neil etwa das erfurchtsvolle (und zumindest beim Köln-Konzert frenetisch gefeierte) Home Before Dark vorträgt. Die Instrumentierung ist dezent und dennoch effektvoll. Da kann ich nur sagen: Gnadenlos gut! Dass Pretty Amazing Grace orchestermäßig etwas aufgepeppt wurde, schadet nicht wirklich. Alleine mit den beiden zuletzt genannten Songs sind Neil Diamond Perlen gelungen, die meiner Meinung nach zum besten seines Songwritings gehören. Hätte man nun noch der immer noch stimmlich und optisch sehr präsenten Linda Press die Chance gegeben, anstatt der Langzeit-Smonzette Your Don-t Bring Me Flowers eher das tolle Another Day vom letzten Album mitzusingen - es wäre der Volltreffer geworden. Etwas gemächlicher vorgetragen - aber icht minder begeisternd das von mir immer sehr geliebte Brooklyn Roads. Dieses und natürlich I am - I said sind der Stoff, bei dem das New Yorker Publikum natürlich lauthals jubelt. Da würde der Kölner sagen: Der Jung is widder da!
Ach ja - eines noch. Endlich ist mal das unsägliche Glitzerhemdchen oder der Show-Overall, welcher jedem Carmen-Nebel-Auftritt oder als Gaststar im Blauen Bock zur Ehre gereicht hätte, im Schrank geblieben. Das dezente C&A Jackett (ja ist ein Gag, ich vermute auch, dass der Mann höherpreisig einkauft...) ist da deutlich angemessener. Ich wurde vor Jahrzehnten zu einer Zeit ND-Fan, als der Interpret düster dreiblickend mit gewisser Zurückhaltung auf den Plattencovern (ja - das gab es mal...) zu sehen war und nicht nur optisch sondern auch vom Songmaterial her der klassische introvertierte Singer-Sonwriter war. Neben dem zugegebenermaßen sehr souveränen Show-Onkel ist das die andere - und eigentlich wirklich wahre - Seite Neil Diamonds. Aber gerade die Kollisionen dieser beiden Seiten haben ihm nicht nur den Erfolg gebracht, sondern auch immer gewisse Zweifel der Kritiker. Die beiden letzten Alben (wobei Home Before Dark für mich zu den besten seiner ganzen Laufbahn gehört) sowie seine außerordentlich hervorragende stimmliche Präsenz dürften hinsichtlich der ernst zu nehmenden Kritik aber wieder einigen Boden gut gemacht haben.
Mit annähernd Ende 60 so locker das Weltpublikum in seinen Bann zu ziehen - da zeugt wirklich von echtem musikalischen Können und einer auch heute noch einzigartigen Stimme. Danke Neil für viele Jahre musikalischer Begleitung!