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Unbeirrbar marschieren die 1985 in Aberdeen/Washington gegründeten Melvins auf ihr 20-jähriges Jubiläum zu. Nach der monströsen Trilogie
The Maggot,
The Bootlicker und
The Crybaby, der darauf folgenden, in einem Take aufgenommenen Live-Aufnahme
Colossus Of Destiny bringen die Ur-Melvins King Buzzo und Dale Crover plus ihrem Bassisten Kevin Rutmanis nun ihr 18. offizielles Album heraus. Den einzigen legitimen Erben der Doom-Metaller Black Sabbath ist mit
Hostile Ambient Takeover ein Donnerschlag gelungen. Nicht, das einen dieses furiose US-Trio als Hardcore-Fan wirklich überraschen kann, doch wie die Melvins es immer wieder schaffen, in ihrem einzigartigen Sound-Kosmos alles neu zu arrangieren und variieren, ist schon unglaublich.
Etwas verwirrend ist die Songliste, denn Stück zwei wurde im reichlich bebilderten, informationsfreien Booklet einfach ignoriert. Einem harmlosen Intro folgt eine trockene, krachende Rocknummer mit einem weg driftenden Ende. Track drei ("Dr.Geek") zitiert in knapp drei Minuten die legendären Minutemen. Es folgt "Little Judas Chongo", ein in seinen Störgeräuschen an die Butthole Surfers erinnerndes Grunge-Rockbrett. Bis hier verfügen die vornehmlich aus Buzzos Feder stammenden Kompositionen über feste Strukturen, doch schon "The Fool, The Medding Idiot" schleppt sich trotz eines fast engelhaft singenden King schwer dahin, bricht urplötzlich mit einem Outro ab, das wiederum abrupt mit einem komischen Keyboard-Outro endet. Völlig aus den Fugen gerät das ambientische Epos "The Anti-Vermin Seed", ein wahres Monstrum der Düsternis.
Sehr lustig ist das Presse-Info eines Übersetzungsservices. Da finden sich so lustige und kryptische Sätze wie: "Feindliche umgehende Übernahme findet sie ihrem an melodic, an einer würzigen Mischung der ruhigen Intensität und an der lauten Ruhe... Das Melvins sind das größte Band in der Geschichte von Musik... und das größte Felsenband überhaupt... wenn sie nicht dieses jetzt dann wissen, sind sie offenbar ein Dummkopf... nettes Superverpacken" Wie wahr! --Sven Niechziol
Rezension
Noch vor einem Jahr hatten die Melvins, als ich sie interviewte, über ihre Kollegen Sonic Youth gelästert. Sonic Youth würden immer gleich klingen, die Melvins wären dagegen die vielseitigste Band der Welt. Das ist natürlich Quatsch. Auch auf ihrem achtzehnten Album klingen die Melvins wieder unverkennbar nach sich selbst. Und trotzdem wird es nicht langweilig. Wieder diese Langsamkeit, breitgewalzte Gitarren und rohe Schlagzeugeinlagen, teuflische Feedbackorigen, dazwischen überdrehte Speed-Einlagen im Slayer-Stil, stellenweise sogar ein paar hastige Hardcore-Attacken, bei denen Dead-Kennedy's-Schärfe mit dem fettigen Glam von Sweet verkittet wird. Wieder ist es ein Genuss, den Melvins Takt für Takt zu lauschen, denn alles an ihrer Musik ist genau eingesetztes Kalkül. Jedes Mosh-Riff sitzt wie eine Eins, jeder Break ist streng wie Mathematik. Aber mit Posing oder Prog-Metal hat das nichts zu tun, eher mit obsessiver Lust an einem transparenten und zugleich fetten Sound, vergleichbar mit der Präzision von Shellac. Ganz große Kunst, derart analytisch überlegt zu arbeiten, geradezu intellektuell, und trotzdem richtig schmierig, rockig rüberzukommen. "Hostile Ambient Takeover" ist die Wiedergeburt des Heavy Metal aus dem Geist des Jazz. Oder umgekehrt. Ein gutes Gegengift für alle Pädagogen, die aus dem Metal-Konsum die Amokläufer von morgen hervorgehen sehen. Wenn solche Kunstmusik tatsächlich böse ist, dann müssten zuallererst die Opernhäuser geschlossen werden.
Noch artifizieller klingt das Zusammentreffen von Mike Pattons Fantomas mit den Melvins, der Mitschnitt eines einmaligen Livekonzerts in San Francisco. Achtzehn Tracks in 42 Minuten, die Potenzierung von Klischees, ein Hort des Bösen, zusammengesetzt aus Zombie-Beschwörungen, Blackmetal-Phrasen, bluttriefenden Japan-Noise-Attacken, Black-Sabbath-Breitleinwand-Riffs und entseeltem Gesang. Dermaßen überzogen wird das Gemetzel zum Cartoon. Der Reiz dieser Aufnahmen liegt in der Verdichtung: Ständig passiert etwas, oft Unerwartetes. Und trotzdem schlafft diese Aufnahme der Supergroup schneller ab als das monolithische Werk der Melvins. "Hostile Ambient Takeover" schafft eine zwielichtige Stimmung zwischen Bedrohung und Humor, zwischen fieser "Bad Boy"-Attitude und nerdiger Klangtüftelei. Auf "Milliennium Monsterrock" ist dagegen alles ziemlich eindeutig auf absurden Witz hin überdreht. Das macht Spaß, löst aber keinen angenehmen Schauder aus, sondern ist eher die B-Movie-Variante. Glenn Danzig ist da natürlich ganz anders. Der Sinn für absurde Übertreibungen und grotesk überdrehte Metal-Bomben geht ihm völlig ab, denn Danzig selbst ist bereits eine Übertreibung, einer, der sich und seine alchemistischen Studien viel zu ernst nimmt. Seiner Musik mangelt es nicht nur an Humor, sondern auch an Distanz zu sich selbst. Wenn Danzig mal wieder mehr knödelt als eine ganze fränkische Lebensmittelfabrik, kann man das natürlich unfreiwillig komisch finden, jegliche Form von Kitzel aufgrund der angeblich so satanischen Boshaftigkeit bleibt allerdings aus. Da bewegt sich nichts, außer den Fingern auf dem Griffbrett, die grausigste Bluesmetal-Riffs abspulen. Mit seiner Vorliebe für Schwarze Messen, verbotene Bücher und Zitate aus der nordischen Mythologie hat sich Danzig inhaltlich längst in den Darkwave-Zirkel eingereiht: Vor lauter esoterischem Sendebewusstsein ist die Musik zur Nebensache geworden, zur bloßen Aneinanderreihung von Effekten. Aus dem trashigen Spaß der Misfits ist Ernst geworden. "Without Light, I Am" nölt der Satansbrocken vor sich hin. Na, dann schalte doch endlich mal jemand das Licht an!
Martin Büsser / Intro - Musik & so
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