Ich bin eigentlich ein großer Hohlbein-Fan, habe viele seiner Bücher in meinem Regal stehen. In den letzten Jahren ist mir jedoch zunehmend eine schwankende Qualität in seinen Werken aufgefallen.
Zwischen atmosphärischen Highlights, die man am liebsten nicht mehr aus der Hand legen will, finden sich immer wieder auch Romane, bei denen ich den Eindruck habe, dass die treibende Kraft nicht der künstlerische Qualitätsanspruch war, sondern vielmehr die Jagd nach schnellem Geld. Gemäß der Prämisse - Verlagsvertrag steht, Abgabe ist in zwei Monaten, und der gute Name wird's schon richten. Also auf und los geschrieben.
So ein Buch ist auch dieses hier. Ich gestehe, ich habe es nicht zu Ende gelesen, denn ich bin jetzt ca. auf Seite 273 und jede weitere Seite erscheint mir als Zeitverschwendung.
Sollte also sich also die Story auf den kommenden 400 Seiten noch als Meisterwerk unter seinesgleichen entpuppen, so bitte ich im Voraus um Verzeihung für meinen Verriss.
Wie in der Kurzzusammenfassung bereits beschrieben, betritt Bast(et), eine ägyptische Göttin, das London des 19.Jh., vorgeblich, um ihre Schwester Isis zu suchen.
Bastet ist ein mächtiges Wesen, das macht Hohlbein gleich auf den ersten Seiten klar. Sie weiß die Gedanken und Wahrnehmungen gewöhnlicher Menschen zu manipulieren, sie verfügt über 'uraltes Wissen' (was allerdings nicht näher ausgeführt wird) und zeigt sich darüber hinaus als Meisterin des bewaffneten Kampfes.
Ein Teil ihrer Macht nährt sich aus Sachmet, dem dunklen Aspekt ihrer Persönlichkeit, ein 'Ungeheuer, das an seinen Ketten reißt' und jeden Moment droht, die Oberhand in Basts Körper zu erhalten. Dieses Ungeheuer, das auf 200 Seiten immer wieder vollmundig angekündigt wird, man aber nie wirklich zu sehen bekommt (und als es dann endlich hervorbricht, in einem Kampf, ebenfalls jämmerlich versagt), nährt sich offenbar von Menschen.
Aufgrund unglücklicher Umstände kommt es jedoch nie dazu, sich mal so richtig sattzufressen, was eine kontinuierliche Abnahme von Basts übermächtigen Kräften zur Folge hat.
Das ist allerdings schlecht, denn wie es der Zufall will, weilt auch der Rest des ägyptischen Götterpantheons in London; Sobek und Horus sowie einen original ägyptischen Nildrachen lernen wir bei einem Kampf in der Kanalisation unter einem Londoner Museum kennen. Bast hat also mächtige Feinde (auch wenn die behaupten, sie wollten nichts Böses), weshalb sie ihre göttlichen Kräfte in der Tat gut brauchen könnte...
Ach ja, und dann kommt auch noch Jack the Ripper ins Spiel.
Wenn man sich nicht daran stört, dass hier zwei völlig verschiedene Mythenwelten zusammengemixt werden, könnte das eigentlich ein interessantes Setup ergeben.
ABER -
Nach ungefähr dreißig Seiten fühlte ich mich als Leser permanent für dumm verkauft, und dieses Gefühl hat nicht nachgelassen.
Bast, dieses mächtige Wesen, stolpert desorientiert, für ihre Verhältnisse reichlich hilflos und permanent von bösen Vorahnungen geplagt durch die anrüchigeren Stadtbezirke Londons. In ihrem inneren Monolog beklagt sie dabei mindestens dreißig Mal (und zwar vom Moment an, da das Buch beginnt, bis zur Seite 273), dass ihr inneres Ungeheuer an den Ketten zerrt und sie ihm seine Beute zugestehen müßte, damit sie ihre Kräfte behält (so lange, bis man ihr zuschreien möchte - 'Hergott, jetzt lass es halt endlich los und friss den nächstbesten Passanten, ist ja nicht auszuhalten das Gejammer'). Desweiteren referiert sie voll ohnmächtigen Entsetzens (auch etwa dreißig Mal), dass sie "beginnt, Fehler zu machen". Ja, ich setze es als Zitat, denn diese Wortwendung wird immer und immer wieder bemüht. Auch hier denkt sich der Leser, dass man auf Seite 273 ja wohl nicht mehr davon sprechen kann, dass sie damit 'begann'. Laut eigener Aussage ist sie quasi schon mitten drin im Fehler machen.
Nun ja. Vielleicht bin ich kleinlich. Vielleicht auch nur gereizt von den vielen dunklen Ahnungen und anderen bedrohlichen Vorzeichen, die alle naselang bemüht werden, um eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen - und dann nie näher erklärt werden. Fast könnte man meinen, der Autor greife hier zu einem kleinen Kunstgriff und wisse selbst nicht, was genau dort Gefährliches für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen war.
Und an dieser Stelle beginne ich dann das Vertrauen in den Erzähler zu verlieren.
Fazit: Das Extrakt an Handlung, das da auf fast dreihundert Seiten bislang ausgewälzt wurde, hätte man spannender und weniger entnervend auch in einem Fünftel der Länge erzählen können, von gewissen logischen Schwächen einmal ganz zu schweigen.
Ich bin im höchsten Maß enttäuscht von dem Buch - trotz oder vielleicht gerade, weil ich Hohlbein stets gern gelesen habe.