"Hortense" ist ein pralles Gesellschafts- und Sittengemälde des europäischen und badischen Bürgertums im 19. Jahrhundert, das seinesgleichen sucht. Selbst auf die USA der Vorbürgerkriegszeit greift das Buch über.
Die Lebensspanne der Titelheldin erstreckt sich von Begin des Eisenbahnzeitalters über das Aufblühen der Börse über die 48er Revolution und die anschließende Emigrations- und Restaurationszeit über deutsch-österreichische Auseinandersetzungen und den deutsch-französischen Krieg bis ins beginnende 20. Jahrhundert. Wer dieses Buch gelesen hat, wird die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts mit anderen Augen sehen.
Flake gelingt unvergleichlich in chronologischer Form (was ihm der Kritiker der NZZ übel nahm) die Verknüpfung von Einzelschicksalen und Zeitgeschichte, alle Personen sind so beschrieben, als hätten sie tatsächlich gelebt - es ist unmöglich, in diesem Roman Fiktion und Realität zu unterscheiden.
Das Buch - und das ist vielleicht das einzig tadelnswerte - quillt über vor Details. Jeder Satz ist oft überladen mit Information, die Beschreibungen arten bisweilen fast ins stakkatohafte aus, als hätte der Autor wirklich alle ihm verfügbaren Informationen unbedingt unterbringen müssen.
In der ersten Hälfte des Bandes, in der Hortense ihr Leben auf ganz Europa und die USA ausdehnt, bleibt bisweilen eine emotionale Distanz zu den Figuren, die dem Roman etwas Flüchtiges verleiht.
Spätestens aber mit der "Rückkehr nach Baden-Baden" lässt Flake einem die Protagonisten so ans Herz wachsen, wie es mir noch mit kaum einem deutschen Autor des 20. Jahrhunderts ergangen ist.
Es treten historische Figuren wie der große russische Schriftsteller Turgenjew auf, Dostojewski kommt als Spieler nach Baden-Baden und der Einfluss dieses literarischen Zirkels hebt den Band bisweilen gar ins Philosophische.
Das Baden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erscheint bei Flake als fast schon kosmopolitisches Land in seinem französischen und russischen Einfluss, Könige und Künstler wie Adlige aus ganz Europa promenieren auf der Lichtentaler Allee. Flake schafft es auch, die geistigen Strömungen der Zeit zu verdeutlichen, das konservative Beamtentum im Gegensatz zu progressiven Intellektuellen, das Ringen um die deutsche Einheit, die rasante Entwicklung der Technik.
Der Stoff hätte sicher für 3 Bücher oder mehr ausgereicht, so gefüllt ist dieser Band. Dennoch wachsen einem auch bei der bisweilen knappen psychologischen Ausarbeitung der Figuren diese irgendwann so ans Herz, dass man das Buch am Ende nur betroffen über den Abschied aus der Hand legen kann.
"Hortense" kann als einer der bedeutendsten deutschen Romane aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bestehen und Flake als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller dieser Zeit, vergleichbar eher mit den großen französischen oder russischen Erzählern als mit der deutschen "Konkurrenz".