Dass vorliegende Buch HORST WESSEL nimmt sich eines großen Mythos des dritten Reichs an, denn Horst Wessel war eine Ikone der Bewegung, jung gestorben, erschossen von kommunistisch beeinflussten Menschen und benutzt von Nationalsozialisten, welche in seinem Tod die Chance für einen überstilisierten Helden sahen. Das Lied DIE FAHNE HOCH, DIE REIHEN FEST GESCHLOSSEN stammte von Horst Wessel und damit machte sich dieser junge SA Mann schon zu Lebzeiten bekannt, doch auch seine Rednertätigkeit stand der von Joseph Goebbels in Berlin in nichts nach. Wer war dieser Horst Wessel? Wie wuchs er auf und was machte ihn so zugänglich für die Ideologie des Nationalsozialismus? Wer hat ihn getötet und aus welchen Beweggründen und wer hat seinen Tod benutzt, um ihn zur Ikone des dritten Reichs zu stilisieren und aus seinem Tod politisches Kapital zu schlagen? Das Buch HORST WESSEL von Daniel Siemens gibt Antworten darauf und versucht sich in Erklärungen.
Zuerst einmal was mir an dem Buch nicht gefallen hat, es sind zwar Abbildungen vorhanden, doch äußerst wenige und deutliche von Horst Wessel, hier hätte der Autor aus vorhandenem Bildmaterial besser auswählen können. Im Vergleich zum nächsten Kritikpunkt nimmt sich die Bilderfrage aber harmlos aus, denn ich habe das Sachbuch als tendenziös empfunden und vermisse die Sachlichkeit und den offenen wissenschaftlichen Disput um die Frage wer war Horst Wessel und wie wurde er zu dem was die Paladine des dritten Reiches aus ihm machten?
Um den Vorsitzenden der chinesischen KP während eines Besuches in Paris zu zitieren, welche Meinung er den zur französischen Revolution hätte, so antwortete dieser: Es wäre dafür wohl noch zu früh um eine endgültige Aussage zu treffen.
Leider trifft dies wohl auch immer noch um alle Themen zum dritten Reich zu - denn in Deutschland und außerhalb ist eine sachliche Diskussion um das Für und Wider immer noch nicht möglich, zu frisch die Wunden, zu verletzt die Gemüter und zu offensichtlich die tendenziösen politisch unterschwelligen Meinungen.
Nach meiner Ansicht sollten wir uns mit dem dritten Reich in circa 300 - 500 Jahren noch einmal beschäftigen, bis dahin dürften sich die Gemüter abgekühlt haben und eine sachliche Aufarbeitung ist dann wohl möglich.
Doch zurück zu diesem Buch: HORST WESSEL, an dem Buch gefiel mir die Prozessaufarbeitung gegen die Täter, nach meiner Rechtsauffassung waren die Urteile im ersten Prozess gerechtfertigt und korrekt, im zweiten Prozess allerdings eindeutig zu hoch. Die Aufrechnung von Urteilen gegen Linke und Rechte, wie in dem Buch geschehen, empfinde ich als irrelevant und nicht der Sache dienlich.
Das Horst Wessel mit Vorsatz ermordet wurde ist klar, denn wer bei öffnen der Tür schießt, hat dies vorher geplant. Ob Horst Wessel von seinem Vater geschlagen wurde und er sich daher dem Nationalsozialismus anschloss, halte ich für eine sehr gewagte und höchst spekulative These des Autoren - dies ist nicht bewiesen.
Horst Wessel war jung, ein guter Redner, ein Kind seiner Zeit und starb so früh das man ihm schlecht irgendetwas Negatives nachweisen konnte.
Einen großen Teil im Buch nehmen die beiden Prozesse und seine Kindheit / Jugend ein, doch auch die Familie Wessel und ihre Tätigkeiten bei der Erschaffung des Mythos HORST WESSEL werden beleuchtet. Dass Horst Wessel sogar in der DDR und der BRD nachwirkte, zeigt das abschließende Kapitel des Buches, seine Bewertung und Besetzung war schon immer zwiespältig.
Das er von Joseph Goebbels und im nach hinein von vielen anderen Paladinen ideologisch missbraucht und als Opfer hochstilisiert wurde, ist tragisch, denn die Toten soll man ruhen lasen.
Obwohl das Buch einige Schwächen besitzt ist doch die thematische Auseinandersetzung mit dem Thema gelungen und das Buch packt ein Thema an, mit dem man sich so in dieser Konzentration noch nicht auseinandergesetzt hat, daher denke ich, dass man es unter Vorbehalt empfehlen kann.