Seit der englische Gelehrte Sir William Jones 1786 die Verwandtschaft von Altindisch, Griechisch, Latein, Englisch und Keltisch entdeckte, tobt der Streit um den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen. Die Suche nach der "Urheimat" wurde politisch und rassistisch mißbraucht und mit romantischen Vorstellungen verbunden. Doch jetzt, wo die jahrzehntelangen Erkenntnisse der osteuropäischen Archäologie auch im Westen bekannter geworden sind, und besonders, seit neue Funde aus dem Ural und dem westlichen Kasachstan die Kultur der Steppe in einem neuen Licht erscheinen lassen, lichtet sich der Nebel.
David W. Anthony präsentiert eine erdrückende Menge an archäologischen Fakten und vergleicht sie vorsichtig, aber umso überzeugender mit den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft und den antiken Quellen. Auf diese Weise gelingt es ihm schlüssig nachzuzeichnen, wie Jäger und Sammler im Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres zunächst Viehzucht und Ackerbau von ihren Nachbarn, den ersten europäischen Ackerbauern, übernahmen und dann durch die Domestizierung des Pferdes eine ganz neue Mobilität bekamen. Er belegt die Ausbreitung ihrer Kultur nach Osten, Westen, Norden und Süden im Detail durch archäologische Funde. Anthony erklärt auch, warum die indoeuropäischen Sprachen eine derartige Verbreitung gefunden haben und beschreibt die gesellschaftlichen Faktoren, die dazu führten, dass sich die Sprache der Einwanderer gegenüber zuvor gesprochenen Sprachen des alten Europa und Vorderasien durchsetzten.
Dieses Buch zu lesen ist harte Arbeit, denn Anthony setzt auf vollständige Beschreibung der archäologischen Funde und genaue Erläuterung der Methodik. Dabei verzichtet er weitgehend auf Romantik und Spekulation. Dennoch ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannender als jeder Roman, denn es beschreibt wirkliche Geschichte, die unsere heutige Welt entscheidend mitgeprägt hat.