Im Süden - glaubt man den üblichen Verdächtigen (den Krimi-Schriftstellern) - tapsen gemütliche bis spleenige Kommissare durch die Landschaft, die neben dem Mordaufklären auch noch Nachbarschafts- und Vorgesetztenkonflikte austragen. Ausserdem geben sie auch gerne Rezepttipps der regionalen Küche an den geschätzten Leser weiter.
Im Norden hingegen herrscht das blanke Grauen. Polizei braucht es kaum, dafür aber Nebel, Schafe, verregnete Landstraßen und auch noch Alkohol am Steuer. Daraus mixt der Autor einen Grusel-Cocktail, der den Leser sogar im milden Frühjahr an den warmen Ofen zwingt. Er wird zur Lektüre auch gerne einen Friesen-Tee schlürfen wollen, denn er hat ein "das les' ich von Anfang bis Ende in einem Stück"-Buch auf seinem Kindle.
In den vorliegenden Kurzgeschichten, die von ziemlich lang bis knackig kurz reichen, lernt man Land und Leute kennen. Vornehmlich die dunkle Seite. Wer wie ich gerne im Norden Urlaub macht, wird beim nächsten Besuch die Gegend mit anderen Augen sehen. Weil er nun weiß, dass die grasenden Schafe auf dem Deich keineswegs so friedlich sind wie sie scheinen. Oder, dass man heimkehrenden Kneipenzechern lieber aus dem Weg gehen sollte.
Zum Stil der Geschichten sei gesagt: der Schreiber ist eindeutig ein Stephen King-Fan. Aber er versteht es, die Gegend in der er lebt und die Leute die dort leben einzubringen und die Stories nach seiner Art zu entwickeln. Ausserdem: wenn man schon ein Vorbild sucht, dann ist es sicher gut, dafür gleich den Meister zu wählen.
Mein Fazit: Absolute Kaufempfehlung und fünf Sterne. Schon als Ansporn weil ich mehr von dem Autor lesen möchte. Und auch ein Beweis, dass das eBook-Konzept des Selbstveröffentlichens zum moderaten Preis Talente hervorbringt, von denen wir auf Papier und in Buchdeckeln gebunden nie etwas gehört respektive gelesen hätten.