Die unvergleichliche Live-Atmosphäre dieses Konzertnachmittags ist auf der CD wunderbar festgehalten und fesselt den Hörer auch heute noch. Aus der zeitliche Distanz drängen sich mir jedoch Zweifel auf, ob ich die CD uneingeschränkt empfehlen kann. Der Hörer der vorliegenden Aufnahme muss sich auf ein höchst eigenwilliges Klangerlebnis gefasst machen. Der sehr brillant gestimmte Flügel von Horowitz ist in der hohen Lage extrem obertonreich, neigt in der mittleren Lage zu einem etwas nasalen Ton. Die Bässe donnern metallisch, sind dadurch extrem durchschlagskräftig, aber ohne Fülle und Weichheit. Kein Zweifel: es gibt Klavieraufnahmen mit einem harmonischeren Klang. Allerdings passt die Abstimmung des Flügels zu Horowitz' Anschlag. Seine berühmten Oktaven donnern wie zu seinen besten Zeiten. Das kann man als ungemein dramatisch und intensiv empfinden, aber auch als etwas übertrieben, zumal der Flügel unter derartiger Kraftentfaltung bisweilen mit surrenden Nebengeräuschen reagiert (Schluss der dis-Moll-Etude von Scriabin), die das Klangbild eintrüben. Die Interpretationen von Horowitz galten seit jeher als höchst eigenwillig. Seine Virtuosität entfaltet sich dabei weniger über ein halsbrecherisches Tempo als vielmehr über einen federnden Rhythmus, einen raubtierhaften Zugriff und eine expressive Phrasierung (sehr schön: die beiden Chopin-Mazurkas). Das dynamische Spektrum reicht vom zartesten Pianisssimo bis zum krachenden Fortissimo. Sein Anschlag ist ungemein nuancenreich. Bei Liszt, Rachmaninov und Scriabin führt dies zu einzigartigen Ergebnissen. Das Sonett 104 nach Petrarca von Liszt klingt unter Horowitz' Händen unübertroffen. In der Valse-Caprice Nr.6 aus Soirées de Vienne entfaltet sich Horowitz' Klangsinn unnachahmlich, wobei er das Stück ein Jahr später in Wien noch schöner und auch rhythmisch ausgeglichener gespielt hat. Natürlich passt ein derart individuelles Klavierspiel nicht zu jedem Werk: Mozarts C-Dur Sonate wird schlichtweg verfehlt. Wo Einfachheit zum Ziel führen würde, versteigt sich Horowitz in eine romantische Klangwelt, er verdeckt alle Herbheiten der Sonate unter Zuckerguss. Auch die Träumerei, die er als erste Zugabe spielt, gerät viel zu manieriert. Die dem Stück eigene Süße wird so unangenehm übersteigert. Nach eigenen Aussage hat Horowitz im Alter kaum noch geübt. Das hätte er aber besser tun sollen, denn er patzt überdurchschnittlich oft, muss seine Unsicherheiten bisweilen unter einem Pedalrauschen verstecken. Bei einem 82-Jährigen ist man gerne bereit, derartige Schwächen zu verzeihen, aber man muss nur einmal die Aufnahmen des alten Arrau hören, um zu erkennen, dass bei Horowitz die Schmerzgrenze überschritten ist.
Fazit: Die Aufnahme vermittelt die ungebrochene Faszinationskraft des großen Pianisten, sein ungemein nuancenreiches Spiel, aber auch sein Scheitern an Mozart, seine ins Extreme reichende Differenzierung, die manche Stücke in lauter schöne Einzelheiten zerfallen lässt.