Wartet die Gegenwartsliteratur eigentlich immer noch auf den großen Wende-Roman? Hier wäre der vielleicht beste, mutmaßlich absolut unterschätzte Vorwende-Roman, in dem der Autor einfühlsam das Psychogramm einer DDR-Kleinstadt entwirft, indem in wechselnden Rollen und Perspektiven sehr verschiedene Gestalten ihre Wahrnehmungen zu einem düsteren Jahr vermitteln, das mit der Ankunft der Zigeuner begann und mit dem Selbstmord eines verfemten Abweichlers in innerer Emigration endet. Der Roman spielt 1957, aber seine Stimmung trifft durchaus die Stagnation der DDR in den Achtzigern, in denen er entstand. Literarisch stark, wie souverän Hein verschiedene Stimmlagen beherrscht, die er wie Originaldokumente in stiller Dramatik sprechen läßt. Jede Figur dieses Romans ist genau zu fassen und kann wie in einem geistigen Fotoalbum angeschaut werden. Ein bedrückender Endzeitroman. Der Leser weiß, daß die Zigeuner, die sich leitmotivisch als bunter Farbfleck durchs Grau ziehen, nie wiederkehren werden und daß kein hoffnungsvolles Weiterleben möglich sein wird ' in der kleinen Stadt nicht, ebensowenig im kleinen Land. Nebenbei: Man wundert sich, daß das Buch erscheinen konnte! Und man weiß: 1957 liegt der 17. Juni vier Jahre zurück, und Chruschtschows XX. Parteitag brachte eben kein Tauwetter, weil der Ostblock vor den Ereignissen in Ungarn zurückschreckte. Von all dem ist nicht die Rede. Und doch steht ein deprimierendes Städtchen für die Depression einer Gesellschaft. Hervorragend!