In der Schweiz gibt es drei echte Hard Rock Größen, die teilweise auch international Beachtung finden. Zum Einen Shakra aus der Region Bern, die als Einfluss den klassischen Hard Rock der 1970er Jahre angeben (Rainbow, Deep Purple) und Wert auf melodische und doch harte Arrangements legen. Zum Anderen gibt es Gotthard, die Truppe aus Lugano, die gerne einmal als die "Europäische Version von Bon Jovi" bezeichnet wird, was meines Erachtens eher eine Verunglimpfung als ein Kompliment darstellt. Bis zum tragischen Tod des Sängers Steve Lee im Oktober 2010 sind Gotthard ein absoluter Top-Act der nationalen Szene, sie füllen mit ihrer Melange aus sattem Rock und gefühlvollen Balladen Stadien und riesige Hallen, sind große Sympathieträger.
Die Dritte und bisher erfolgreichste Gruppe sind schließlich Krokus. Die Solothurner orientieren sich hauptsächlich am typischen AC/DC Stil. Zu Beginn der 1980er Jahre steigen sie zu internationalen Stars auf. Die Alben "Metal Rendezvous", "Hardware", "One Vice at a time" und vor allem "Headhunter" gelten bis heute als ihre Stärksten. Neben dem legendären Hammersmith Odeon in England headlinen sie weitere große Festivals, touren durch die USA und werden dort zu einem durchaus bekannten Act. Sie erhalten die Ehrenbürgerschaft von Tennessee und erreichen Platin-Status. Aufgrund der ständigen Besetzungswechsel wird es aber in der Folge zunehmend ruhiger um Krokus. Die Verkaufszahlen der Alben sind durchwachsen. Erst als Charakterstimme Marc Storace 2002 zur Band zurückkehrt, stellt sich wieder der Erfolg ein. 2006 landen sie mit dem Album "Hellraiser" sogar auf Platz 2 der Schweizer Charts.
Der große Coup allerdings gelingt 2008: für einen Reunion Auftritt im Berner Stade de Suisse kommt die erfolgreichste Krokus Besetzung um Marc Storace (Gesang), Fernando von Arb (Gitarre), Mark Kohler (Rhythmus Gitarre), Chris von Rohr (Bass) und Freddy Steady (Schlagzeug) wieder zusammen. Die jahrelang zerstrittenen Kollegen finden tatsächlich wieder zueinander und entschließen sich sogar, ein gemeinsames Album aufzunehmen. Unter dem Titel "Hoodoo" erscheint es im Februar 2010. Es ist das mittlerweile sechzehnte von Krokus und erregt nicht nur nationale Aufmerksamkeit.
Die elf Songs strotzen nur so vor Energie und die gealterten Herren beweisen, dass sie ihr Handwerk auch nach all den Jahren immer noch bestens verstehen. Zwar sucht man vergebens nach innovativen oder gar progressiven Elementen, doch das erwartet auch keiner von Krokus. Hauptsache es macht Spaß und das ist definitiv der Fall.
Die wenigen Riffs, die AC/DC bisher nicht eingefallen sind, gibt es bei Krokus. Böse Zungen nennen sie eine eins zu eins Kopie der Australisch-Englischen Legenden. Der Einfluss ist nicht abzustreiten, aber hier und da klingt der Krokus-Sound etwas metallischer als bei AC/DC. Auch die Stimme von Marc Storace bewegt sich nicht ganz in den kreischigen Höhen von Brian Johnson.
Doch nun zu "Hoodoo". Nach dem durchschnittlichen Einstieg mit "Drive it in", legt bereits die zweite Nummer "Hoodoo Woman" los. Dieser Titel wird im Vorfeld als erste Single veröffentlicht und präsentiert die typischen Krokus Markenzeichen: ein schnörkelloses Riff, präzises Vier-Viertel Schlagzeug, pumpender Bass und giftiger Gesang. Macht richtig Spaß, auch wenn es sehr traditionell klingt. Die 80er sind wieder lebendig.
Mit dem Steppenwolf-Cover "Born to be wild" geht es sogar zurück in die 70er. Es ist fragwürdig, ob die Rockwelt ein weiteres Cover dieses Titels gebraucht hat. Mir hätte nichts gefehlt, wenn darauf verzichtet worden wäre.
"Rock'n'Roll Handshake" ist ein groovender Boogie-Rocker, der so tatsächlich auf einer AC/DC Platte zu hören sein könnte.
"Ride into the Sun" heißt mein persönlicher Favorit auf diesem Album. Kaum zu glauben, dass hier eine Schweizer Band am Werk ist. Das Stück klingt dermaßen amerikanisch, dass man beim Hören wirklich glaubt, auf seinem Pferd im Wilden Westen in den Sonnenuntergang zu reiten. Richtig starke Nummer mit einem geilen Refrain.
Die zweite Single "Too hot" macht ähnlich viel Spaß. Sie schunkelt sich im mittleren Boogie-Tempo durch die Boxen und explodiert förmlich im Hit-Refrain. Man kann schon beim ersten sofort mitsingen und tut das sogleich aus vollem Halse. Guter, alter Hard Rock wie man ihn sich als Fan nur wünschen kann.
"In my Blood" schlägt in die selbe Kerbe, zieht das Tempo jedoch etwas an und präsentiert Marc Storace in höherer Stimmlage. Spätestens jetzt ist Ausflippen und kräftiges Matteschütteln angesagt. Die Gangshouts lassen sich auch bei erhöhtem Genussmittelkonsum noch fröhlich mitbellen. Wirklich eine spaßige Angelegenheit.
"Dirty Street", "Keep me rolling" und "Shot of love" führen den Sound konsequent weiter. Eine Ballade wie zum Beispiel "Screaming in the Night" wird man auf "Hoodoo" vergeblich suchen. Im Gegenteil, das Album endet mit der schnellsten Nummer "Firestar", die sich dezenten Metal-Einflüssen bedient.
Auf der Limited Edition wurde eine Bonus-DVD beigelegt, die die besten Ausschnitte aus dem Stade de Suisse Auftritt, sowie informative Interviews mit den Bandmitgliedern enthält. Ein nettes Zusatzschmankerl für den geneigten Fan, der sich vor Freude die Augen reibt, dass seine alten Helden tatsächlich wieder den Weg auf die Bühne und ins Studio gefunden haben.
"Hoodoo" lebt vor allem von seinem hohen Nostalgiefaktor. Die Platte nimmt den Hörer mit in die guten alten 80er, als der Rock noch Rock und Bands noch Bands waren. Obwohl es sich um ein durch und durch altmodisches Album handelt, leidet die Qualität nicht. Die Songs sind allesamt spritzig und dynamisch, die Refrains gehen ins Ohr. Einen großen Hit kann man heutzutage mit derartiger Musik nicht mehr landen. Um der hungrigen Fangemeinde eine gute Zeit zu bescheren, reicht es aber allemal.