In den 1930er Jahren, auf dem Höhepunkt seines hektischen Lebens als Konzertpianist, Dirigent und Komponist, brauchte Sergei Rachmaninov einen Ruhepunkt, um sich von seinen beruflichen Strapazen zu erholen. Er fand ihn in der Schweiz am Vierwaldstätter See, wo er, begeistert von der pittoresken Landschaft, eine Villa als Sommerresidenz bauen ließ. Diese Villa Serna steht dort auch heute noch, und mit ihr ein Flügel von Steinway, den Rachmaninov 1933 erwarb. Dieser klingt - nach einer Generalüberholung - auch heute noch hervorragend mit warmer Mittellage und brilliantem Diskant und legt Zeugnis ab von der außergewöhnlichen Lebensdauer dieser Instrumente. Im Sommer 1998 spielte der russische Pianist Mikhail Pletnev auf eben diesem Instrument in der Villa Serna eine Anzahl von Stücken, die zum Repertoire Rachmaninovs gehörten; neben Eigenkompositionen finden sich Werke von Beethoven, Mendelssohn und Chopin.
Pletnev - selbst ja ebenfalls Dirigent, Komponist und Pianist in Personalunion - beginnt mit dem letzten Werk, das Rachmaninov für „sein" Instrument schrieb: den Corelli-Variationen, deren Thema eigentlich nicht von Corelli stammt, sondern eine iberischen Volkslied entlehnt ist. Rachmaninov nimmt dieses kurze Thema zum Ausgangsmaterial für 20 Variationen, auf denen er die gesamte Bandbreite seines kompositorischen Stils präsentiert. Pletnev entscheidet sich - wie auch bei den abschließenden Études-tableaux - für gemäßigte Tempi und läßt sich die Zeit, harmonische Wendungen auszukosten und sensibel lyrischen Themen nachzuspüren. Diese Spielweise ermöglicht ihm, viele oft vernachlässigte Details auszuleuchten und seinen facettenreichen Anschlag zur Geltung zu bringen. - Es folgt die Klaviersonate op. 81a „Les Adieux" von Beethoven; Pletnev versagt sich hier jeglicher offensichtlicher pianistischer Rhetorik und Manierismen, wie er sie gelegentlich an den Tag legt. Hier wird offenbar, daß ein erstklassiger Musiker auch mit sparsamem Einsatz pianistischer Mittel eine bezwingende Einspielung gestalten kann. Während der erste Satz zwischen Entschlossenheit und Bedauern schwankt, der zweite wunderbar poetisch-sensibel und mit vielfachen Schattierungen und Klangfarben daherkommt, ist der Schlußsatz ein höchst lebendiger Kehraus und demonstriert nebenbei auch Pletnevs hervorragende Technik.
Die sich anschließenden Stücke von Mendelssohn werden von Pletnev mit Humor und Charme gespielt, wenn auch nicht mit vollendeter Klarheit; das gelingt beim Rondo capriccioso Georges Cziffra (EMI) etwas besser. - Im folgenden Andante spianato von Chopin entfaltet sich die Melodielinie wie eine Perle auf schwarzem Samt, bevor die energischere Polonaise einsetzt. Bei dieser legt Pletnev jedoch einige ryhthmische Eigenheiten an den Tag, die das Stück verzerren und ihm den Fluß nehmen, es rhapsodisch wirken lassen. Diese Tendenz war auch schon bei der Chopin-CD Pletnevs (DG) zu beobachten und hatte dort wie hier die Musik entstellt; zum Vergleich höre man nur, mit welch selbstverständlicher Eleganz etwa Martha Argerich (DG) oder Nelson Freire (INA) ans Werk gehen. - Die vier dieses Rezital abrundenden Études-tableaux von Rachmaninov versöhnen jedoch wieder und zeigen Pletnev als meisterhaften Interpreten seines Landsmannes - Virtuosität, Grandeur und Dramatik lassen nichts zu wünschen übrig. Verglichen mit seiner einige Jahre später live eingespielten Version der Etüde op. 39 Nr. 5 ziehe ich die hiesige Version vor, die genau die richtige Prise kontrollierter Leidenschaft besitzt, ohne die sie in bedeutungslosem Tastengedonner versinken würde.
Neben dem hervorragenden Klang, der von den Aufnahmetechnikern auch grandios eingefangen wurde, ist noch das interessant geschriebene Booklet hervorzuheben, bei dem jedoch Details zu einigen der hier eingespielten Stücke völlig fehlen. Mit Ausnahme des meines Ermessens kritikwürdigen Chopins eine außergewöhnlich gelungene Reminiszenz!