In einem postapokalyptischen Europa hat eine angelikale Kirche die Macht inne und praktiziert eine Art Mittelalter, in dem die einfachen Leute unwissend und kurz gehalten werden. Aushängeschild der Kirche sind Engel, die wie geflügelte, tätowierte Kinder aussehen und über einige Sonderkräfte verfügen. Die Engel, die meist in fünfköpfigen Scharen unterwegs sind, verrichten im Auftrage der Kirche, deren Hauptsitz, Roma Aeterna, von einem nicht alternden Kindpapst regiert wird, allerlei Aufträge und kämpfen auch gegen das "Böse", nicht wissend, dass sie selbst im Auftrag unlauterer Absichten unterwegs sind. Zu dem "Bösen" gehört der ominöse "Herr der Fliegen" mit seinen monstruösen Insektenwesen, die mehrere Feuer- und Rauchwände durch ganz Europa geschlagen haben, aber auch die "Schrottbarone", die sich die Technik der Zeit vor der Katastrophe zu Nutze machen wollen. Sie sind ganz klar ein Dorn im Auge der Kirche, die Technik pauschal zur Ketzerei erklärt hat...
Von all dem weiß der Leser, der das Erzählrollenspiel "Engel" nicht kennt, nichts, aber das muss er auch nicht unbedingt, denn die Story steht für sich. Der Roman ist aus der Sicht dieser Bösen geschrieben, genauer gesagt, er breschreibt die Erlebnisse von Isabella, ihres Zeichens Herrscherin von Córdoba, eines der letzten kirchenfreien Gebiete Europas. Die Kirche schickt einen Unterhändler, der Isabella ersucht, ihm ein Artefakt aus der Vorzeit zu verkaufen, das in Isabellas Archiv lagert. Isabella wittert Verrat, denn außer ihr und ihren Beratern weiß niemand, welche Schätze aus alter Zeit dort gehortet sind. Für Isabella beginnt die mühsame Suche nach dem Verräter...
Nachdem die ersten Engel-Romane stets das Leben und Sterben der Kinder mit den Flügeln beschrieben - also die Charaktere, die man im Rollenspiel auch spielen würde - wird mit "Homini Lupus" und seinem Vorgänger "Exodus" auch die Seite der Schrottbarone, der Diadochen beleuchtet. Das ist ganz gut so, denn dem Leser wird sein Verdacht bestätigt. Soo böse sind sie gar nicht, die Liebhaber der Technik, die so manches im Leben angenehmer macht. Angesichts eines mächtigen Gegners wie der angelikalen Kirche - Fanatiker vor dem Herrn, um es süffisant auszudrücken - macht es Sinn, vorsichtig zu sein. Isabellas Suche nach dem Verräter ist spannend geschrieben, mit der Zeit sucht der Leser zusammen mit ihr, entwickelt Theorien, verwirft sie, erschafft neue Hypothesen. Erst auf den letzten Seiten erfolgt die Auflösung, und sie ist trotz des kleinen Kreises der Verdächtigen überraschend.
Einen kleinen Makel gibt es dennoch: dem Leser kann nicht klar werden, warum die Kirche ein so großes Interesse an dem Artefakt hegt; selbst der Rollenspieler, der mit der Engelswelt etwas vertrauter sein dürfte, kann nur mutmaßen. Es aufzudecken allerdings würde ein äußerst gut gehütetes Geheimnis der angelikalen Kirche lüften, und dann wäre auch wieder die Spannung 'raus.
Alles in allem: ein empfehlenswerter Roman, ganz gleich, ob man Rollenspieler, der selbst schon einmal als Gabrielit oder Ramielit durch die Gegend gezogen ist, oder ein an Sci-Fi/Fantasy interessierter Leser ist.