Hab das Buch am Samstag früh bekommen. Das Wochenende war gelaufen - ich konnte das Buch nicht mehr weglegen.
Natürlich gibt es in einem Tatsachenbericht nicht ständig Schießereien, Verfolgungsjagden oder explodierende Autos - trotzdem ist die Beschreibung der Realität spannender als jede Fiktion. Hier hat sich kein Autor Figuren nach der größten dramaturgischen Wirksamkeit ausgedacht, sondern Davis Simon beschreibt Menschen aus Fleisch und Blut. "Sind wir Polizei-Fans?" fragt Richard Price (Autor u.a. von "Cash") im Vorwort, bezogen auf sich und David Simon. Klares JA, würde ich sagen. Das ist eine Stärke dieses Buches: Die Leidenschaft mit der es geschrieben ist. Davis Simon mag die Cops, die er begleitet hat, das spürt man.
Und wer, wie ich, nach der Lektüre so richtig angefixt ist, kann sich HOMICIDE oder auch THE WIRE auf DVD bestellen... ;-)
Simon hat als so eine Art "eingebetteter Journalist" die Detectives von der Mordkommission ein Jahr lang auf den Straßen von Baltimore begleitet und hatte kompletten Zugang zu ihren Ermittlungen. Er berichtet über ihren harten Alltag, den sie mit viel Galgenhumor und einer guten Portion Zynismus bewältigen. Nicht, weil sie Spaß an Zynismus haben, sondern weil sie nur so ihre Arbeit verarbeiten können. Neben vielen interessanten Details aus der harten und anstrengenden Ermittlungsarbeit sind das Interessanteste an dem Buch die Figuren. Oder nein, es sind ja nicht ausgedachte Figuren, sondern Menschen, reale Menschen.
In der Beschreibung mehrerer konkreter Fälle lernen wir die Detectives kennen, mir am nächsten gekommen ist dabei Tom Pellegrini, der noch nicht lange dabei ist und die Vergewaltigung und Tötung eines kleinen Mädchens aufklären will.
Und natürlich habe ich die USA - hier konkret: Baltimore - noch mal ganz anders kennen gelernt als bei Besuchen als Tourist. Was man sonst nur ahnt oder als Statistiken über Drogen oder Mordopfer liest, bekommt hier eine konkretes Gesicht. Kein schönes, aber eines, das einen in den Bann schlägt. So ähnlich, wie Randy Newman in "Baltimore" singt: "Oh, Baltimore, man, it's hard just to live..."
Was einen durch diese harte bis deprimierende Lektüre führt, sind die Detectives. Hier agieren nicht coole Supercops, hier retten nicht scharfsinnige Genies die Welt. In HOMICIDE ermitteln engagierte Polizisten, eine verschworene Truppe, deren Ehrgeiz es ist, jeden Fall aufzuklären, egal wie wenig Hilfe sie von Zeugen bekommen oder wie vergeblich ihr Kampf gegen Drogen und Kriminalität sein mag.
Fazit: David Simon hat sich Zeit genommen, er kann beobachten und er kann schreiben. Und er hat es mit Leidenschaft getan. Heraus gekommen sind über achthundert Seiten - jede einzelne ist lesenswert.