Was für ein Leben, im Roman und in der Realität!
Der New Yorker Schriftsteller Doctorow, der dieser Tage 80 Jahre alt wurde, hat in seinem neuen Roman das bizarre Leben der Brüder Collyer literarisch wieder zum Leben erweckt. Dabei ließ er diese grandiosen Messies jahrzehntelang länger leben, als das tatsächlich der Fall war. Homer und Langley waren die Söhne wohlhabender Eltern, die wiederum alteingesessenen Familien entstammten, die ihren Stammbaum bis zur Mayflower zurückverfolgen konnten und somit der amerikanischen Spielart des Adelsstands angehörten. Sie residierten - wiederum im Leben wie in der Fiction - in einem prächtigen vierstöckigen New Yorker Stadthaus in Harlem, das in Doctorows Geschichte allerdings geografisch verschoben und gegenüber des Central Parks verankert wurde. Der Park war sozusagen der Vorgarten des Hauses und wurde als solcher von den Brüdern auch angesehen. Eine hohe Treppe führte zur Beletage des mondänen Hauses mit seinen vielen hohen Fenstern, an deren solider Haustüre der Autor die Geschichte des letzten Jahrhunderts branden lässt. Im Innern türmte sich derweil immer albtraumhafter der Müll jener Zeit. Im einstmals eleganten Speisezimmer residierte unter einem Kronleuchter, der sich nur noch prekär an der durchgebogenen, verfaulten Decke hielt, sogar das Wrack eines Ford-T-Modells. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des älteren Bruders Homer, der im Laufe seines Lebens das Augenlicht verlor: "Ich erinnere mich, dass ich als Kind gesehen hatte, wie ein Stubenmädchen meiner Mutter unter diesem Kronleuchter auf einer Leiter stand und jedes einzelne Kristall abnahm, mit einen Tuch reinigte und wieder an seinen Haken hängte. Eins davon durfte ich in der Hand halten. Ich staunte, wie schwer es war - es hatte die Form von zwei schlanken Pyramiden, die an den Grundflächen zusammenklebten, und als ich ihr das sagte, lächelte sie und nannte mich einen klugen Jungen." Nach dem Tod der Eltern verschwanden mit dem großbürgerlichen Leben nach und nach die Dienstboten, später gab es Telefon, Wasser- und Stromversorgung auch nicht mehr. Langley, der ältere, ein Veteran des 1. Weltkriegs mit Schäden an Körper und Seele, der das Leben an sich als Zumutung ansah und entsprechend streitbar war, lag jahrzehntelang mit Banken, Behörden und Versorgungseinrichtungen im Rechtsstreit, immer darauf bedacht, seine Unabhängigkeit von allem und jedem (außer von seinem Bruder) zu bewahren, egal wie mühsam das war. Die Brüder verbarrikadierten sich schließlich in ihrem Haus und kappten ihre Verbindungen zur Außenwelt radikal. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass sie das neben gigantischen Mengen Trödels eben auch mit riesigen Zeitungsbündeln bewerkstelligten, in denen das Geschehen der Außenwelt festgehalten wurde. Jahrzehntelang hatte die Welt in Form von Besuchern immer wieder an die Haustür geklopft: Als sie noch ausgingen, zur Zeit der Prohibition, machten sie Bekanntschaft mit einem aufstrebenden Mafiakiller, der sich Jahrzehnte später in ihrem Haus versteckte. Ein schwarzer Musiker aus New Orleans, ein kleines Mädchen, das von dem hochmusikalischen "Onkel Homer" Klavierunterricht bekam, Menschen, die sich auf den Tanzteeveranstaltungen dem Rhythmus des Swings hingaben, ein aus Europa geflohener Jude, der verzweifelt Geld für die Unglücklichen in Übersee sammelte und als letzte heitere Episode der Einfall der Blumenkinder, die sich dem kalten New Yorker Winter aber naturgemäß nicht gewachsen sahen.
Nahezu atemlos liest sich die Geschichte der beiden Brüder im Auf und Ab der Geschichte, wo im Hintergrund fast immer das Getöse von Kriegen zu hören ist. Symbiotisch lebten sie und fast gleichzeitig starben sie auch. Langley wurde vom Müll erschlagen, als er seinen Bruder Essen bringen wollte, Homer verhungerte und verdurstete daraufhin: "Wo ist Langley? Wo ist mein Bruder?", so endet das Buch. Es fällt mir schwer, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten, denn da sind die Bilder und Geschichten, die das Internet (wahrlich die universelle Zeitung, die Langley vorschwebte) über den Mythos Collyer bereithält, die sich mit der Lektüre dieses ganz und gar gelungenen Romans vermengen.
Helga Kurz
7. Januar 2011