... schwappt hier in einem wilden Mix aus psychischer Gewalt, exotischen Bildern, geschickt gewählten Musiktiteln und erotischen Obsessionen von der südlichen Hälfte des Globus in unsere DVD-Player ... Ein Erlebnis, das nachhaltig berühren und auch belustigen kann, wenn man in der Lage ist, die teils verwirrenden Bilder und Handlungsstränge der Regisseurin und (gemeinsam mit ihrer Schwester Anna) Autorin Jane Campion ("Das Piano") zu deuten, die allerdings mit einer FSK16 passender bewertet wären, ist doch sehr viel nackte Haut und Sex zu sehen.
Mutig gespielt wird die Geschichte von Kate Winslet ("Finding Neverland") als sinnsuchender australischer Twen Ruth (deren Familie ironischer Weise in einer Siedlung namens "Sans Souci" lebt) und Harvey Keitel ("Bad Lieutenant") als alternder sich die Haare färbender Macho-Deprogrammierer PJ, der eigens von der besorgten Mutter aus dem USA eingeflogen wird, um die Tochter "aus der Sekte" zu befreien. Tatsächlich wirkt Ruth nach ihrer spirituellen Erfahrung mit Baba im Vergleich zu ihrer paranoiden asthmatischen Mutter extrem natürlich und wach. Eben gar nicht "auf Droge" oder fremdbestimmt, sondern einfach aus dem Herzen lebend. Das macht ja westlich konditionierten Menschen oftmals eine entsetzliche Angst, die auch gut dargestellt wird.
Ruth wird von der Mutter unter falschen Behauptungen (der Vater habe einen Schlaganfall gehabt und liege im Sterben ...) aus Indien zurück nach Australien gelockt, um sie "aus der Sekte zu retten". Dort wird sie von ihrer Familie genötigt, Zeit mit PJ, dem Star der internationalen Deprogrammierer zu verbringen. Tatsächlich zeigt sich hier die Absurdität des Vorgehens bereits sehr deutlich: Die Familie übt genau den Zwang aus und ist unehrlich zu Ruth, den sie dem indischen Lehrer unterstellt hat. Dort war Ruth aus freien Stücken. Hier wird sie belogen und mit einem neurotischen Mann in ein Haus gesperrt. Nachts kommt die Schwägerin vorbei, die gleich mit PJ Sex hat, der schon von vornherein Bedenken äußert, allein mit Ruth zu arbeiten. Zu recht ...
In den folgenden Tagen läuft die Geschichte mehr und mehr aus dem Ruder... immer deutlicher wird, dass Ruth eine geheime systemische Verstrickung mit ihrem fremdgehenden Vater hat, die sie nun durch die Verführung PJs auslebt, der ihr mehr und mehr verfällt und auch seine eigenen - anscheinend ungeheilten - traumatischen Erfahrungen mit einem homosexuellen Guru berichtet. Als Carol (Pam Grier in einem kleinen aber intensiven Gastauftritt), PJs Freundin auftaucht, versteht sie sofort, was abläuft und ist sehr wütend. PJ versucht aber ihr (und sich?) einzureden, er habe alles unter Kontrolle ... Ruth demütigt PJ daraufhin mehrfach, zieht ihm ein Frauenkleid an, schläft nochmal mit ihm ... dann will sie fliehen, wird aber von PJ eingefangen und niedergeschlagen ...
Am Ende ist Ruth mit ihrer Mutter gemeinsam in Indien und schreibt heimlich an PJ, der ihr ebenso heimlich aus den USA antwortet. Beide spüren, dass etwas zwischen ihnen geschehen ist, das echt war, das nachwirkt in ihnen und das sie für wert halten, bewahrt zu werden.
Fazit: Aus meiner Sicht ein sehr mutiger Film, der Fragen aufwirft, wie z.B. mit welchem Recht eine degenerierte und geistlose Gesellschaft wie die westliche es sich anmaßt, Menschen zu bewerten und mit Gewalt aus Erfahrungen heraus zu holen, die für die Person selbst wertvoll und tiefgreifend sind. Und die Moral von der Geschicht: Wenn eine Frau mit ihrem Vater verstrickt ist und mit ihm schlafen will, findet sie einen, und wenn er sogar von der eigenen Mutter eigens engagiert werden muss, was dem Film in genialer Weise die Krone aufsetzt ... Keine leichte Kost, oder um es mit Hesse zu sagen: "Nicht für Jedermann - nur für Verrückte!"