Ein beeindruckendes Projekt hat Regisseur Marvin J. Chomsky da mit Drehbuchautor Gerald Green realisiert: Präzise wird die heraufziehende Finsternis nachgezeichnet, von den ersten Anfeindungen über Progrom und Deportation bis zur fabrikmäßigen Massenvernichtung der Juden in den Konzentrationslagern. Die fiktive Geschichte wird in historische Tatsachen eingebettet: Die Enteignung und Abschiebung der Berliner Juden, die Reichskristallnacht, das Massaker im russischen Babi Yar Ende September 1941, bei dem rund 33.000 Juden, vielleicht mehr, fließbandartig erschossen wurden, der wochenlange Widerstand der Juden im Warschauer Ghetto ab dem 19. April 1943, alle diese Stationen werden durchlaufen. Dass dabei die Mitglieder der Familie Weiss vornehmlich als treibende Kräfte agieren ' sowohl die Anführer des Warschauer Widerstands als auch die Initiatoren des Aufstandes, der 1943 das Ende des Vernichtungslagers Sobibor einleitete, sind bekannt und heißen nicht Weiss ', ist nebensächlich, denn in der Hauptsache geht es hier um die Judenvernichtung. Und die wird anschaulich gezeigt. Schauspieler wie James Woods (Karl), Meryl Streep (Inga) und Fritz Weaver (Josef) geben hier alles und zeigen herausragende Leistungen. Letzteres lässt sich auch über Michael Moriarty sagen, der den Wandel des Erik Dorf ' auch eine fiktive Figur ' vom normalen Familienmenschen und Karriere-Opportunisten zum gewissenlosen Judenmörder sehr gelungen darstellt. Auf Seiten der Nazis fällt darüber hinaus David Warner als Heydrich auf, der trotz seiner Aktivitäten gegen die Juden ein starkes Charisma ausstrahlt. Auch Ian Holm als Heinrich Himmler gefällt: Er zeigt einen Reichsführer, dem beim Anblick der Ermordung von Juden schlecht wird, was zugleich absurd und nachvollziehbar ist und verdeutlicht, dass die Judenvernichtung auf höchster Ebene von realitätsfremden Theoretikern geplant wurde. Erfreulich ist, dass auch das Setting sehr detailgetreu ist: Alle Schriftzüge im Hintergrund sind auf Deutsch oder Polnisch verfasst, für eine amerikanische Produktion keine Selbstverständlichkeit. So weit, dass im Originalton die deutschen Soldaten auch Deutsch sprechen, geht der Film dann aber doch nicht.
Die Serie beschönigt nichts, stellt die Judenvernichtung als nüchtern geplantes Projekt dar, lässt Nazis über effizientere Formen der Tötung diskutieren, als seien Juden keine Menschen, sondern Ungeziefer ' der Vergleich findet auch mehrmals Anwendung. Das Ganze kommt mit sehr wenig Filmmusik aus, erstaunlicherweise wird im ersten und dritten Teil völlig darauf verzichtet, was den Bildern eine stärkere Realitätsnähe und Eindringlichkeit verleiht, während in den anderen beiden Teilen öfters melancholische Orchestermusik zum Einsatz kommt. Allerdings stört sie eher, man hätte, wie es im ersten Teil bisweilen geschieht, die Musik als Teil des Geschehens einbauen können, durch Klavierspiel oder Grammophon etwa.
Noch einmal: Die Serie beschönigt nichts. Und damit muss ein wichtiger Punkt angesprochen werden: Die Altersfreigabe. Laut FSK-Empfehlung können Jugendliche ab zwölf Jahren die Serie sehen. Allerdings können die Einstellung, dass man mit der Abschreckung zum Thema Holocaust nicht früh genug anfangen kann, und der historische Wert des Ganzen diese Freigabe nicht rechtfertigen. In fast sieben Stunden erleben die Zwölfjährigen eine - wenn auch nur angedeutete - Vergewaltigung, ausführliche Folterszenen, die massenhafte Vergasung und Erschießung von Menschen, Kriegsszenen, Psychoterror und mehr. Ganz zu schweigen von der Art und Weise, wie auf Seiten der Nazis mit dem Thema umgegangen wird: Hier wird darüber geplaudert, dass das Atemgift Zyklon B doch verglichen mit der Erstickung durch Motorabgase die effizientere Art der 'Sonderbehandlung' sei, hier rühmt man sich, täglich mehrere tausend Juden erschossen zu haben ' diese Art des Umgangs mit dem Thema sowie die lange Liste direkter oder angedeuteter Darstellung physischer und psychischer Grausamkeiten, insgesamt eine Verfilmung des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, sollte nicht für Zwölfjährige zugänglich sein. Eltern seien hier ausdrücklich zur Vorsicht gemahnt: Was man hier zu sehen bekommt, kann einen bis in die Träume verfolgen, das sollte man zu jungen Jugendlichen nicht zumuten. Wer immer die Serie ab zwölf Jahren freigegeben hat, hat sie sich scheinbar vorher nicht angeschaut.
Schade ist, dass die Box keinerlei Extras bietet. Ein Making-of, ein Feature über historische Hintergründe oder wenigstens Interviews mit den Akteuren, die zum Teil viel durchmachen mussten für diese Serie, hätten das Ganze abgerundet. Aber Kurzbeschreibungen zu den vier Teilen der Serie gibt es in der Box, und die verraten dem Zuschauer, welches Mitglied der Familie Weiss wann und wo stirbt. Na vielen Dank ...
Man kann hier noch einiges lernen über die systematische Judenverfolgung im Dritten Reich. Die Serie 'Holocaust' geht mit drastischen Bildern durch diese finstere Epoche der deutschen Geschichte, gibt eine Vorstellung von dem Elend, in dem die Juden gelebt haben mussten, und schafft ein konkretes Bild von dem abstrakten Begriff 'Vernichtungslager'. Nüchtern und sachlich werden die einzelnen Abschnitte von der Verfolgung bis zur Endlösung verfolgt, die dramatischen Erlebnisse der jüdischen Familie Weiss stehen dem trockenen fabrikmäßigen Ausrotten durch die Nazis gegenüber. Es war ein geschickter Schachzug, beide Seiten darzustellen. Die Serie lohnt sich, allerdings sollten Eltern der FSK-Freigabe keine Beachtung schenken, wenn sie nicht wollen, dass ihre Kinder nächtelang an Alpträumen leiden.