So nebenbei oder als Bettlektüre wird man Christof Deckers Buch wohl kaum lesen können. Wem es als einziges Qualitätskriterium für Bücher übers Kino - zumal das amerikanische - gilt, dass das Druckerzeugnis möglichst genauso bunt, unterhaltsam und kurzweilig sein soll, wie sein Gegenstand, dem sei geraten, die Finger von diesem Werk zu lassen. Wer jedoch dem eigenen Vergnügen am Film etwas genauer nachgehen will, seinen Kopf nicht einfach abschaltet beim Verlassen des Kinosaals oder sich auch nur einmal gefragt hat, warum er oder sie im Kino geweint hat, wo doch immer klar war, dass es „nur ein Film" gewesen ist, dessen Projektion man da beiwohnte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt! Dies vor allem dann, wenn sein oder ihr Filmmenü bevorzugt aus amerikanischen Produkten besteht, wie das ja für die Mehrzahl der deutschen KinogängerInnen zutrifft.
Sicher - es ist ein akademisches Werk. Die Habilitationsschrift eines Kulturwissenschaftlers, der sich in Forschung und Lehre mit amerikanischer (Populär)kultur beschäftigt, und der sich aus dieser Perspektive einer historischen Periode des amerikanischen Kinos (frühes und klassisches Hollywood), sowie dem Genre des Melodrams widmet. Dazu noch ein sehr anspruchsvolles Theoriegebäude, das sich mit den Bedingungen der (wissenschaftlichen) Rede über das Populäre beschäftigt. All dies auf dem neuesten Stand der Kulturtheorie, filmtheoretisch und -historisch beschlagen und auf der Basis umfangreicher Recherchen in Film- und anderen Archiven. Das klingt ziemlich anstrengend und das ist es auch. Bilder gibt es keine; süffige Anektoden über Stars, Produzenten, Regisseure und „Hollywood Babylon" sind eher Mangelware. Dazu noch 500 (FÜNFHUNDERT) Seiten! Die reine Zumutung!! Warum sollte man sich das antun (wenn man nicht gerade Kultur- Literatur- oder Filmwissenschaftler sein sollte - aber die und das einschlägige Feuilleton haben diese Studie längst zur Kenntnis genommen und für wichtig befunden). Was wird denn dem ja oft auch nicht ganz dummen oder faulen Rest der lesebereiten KinogängerInnen geboten?
Nun - zum einen eine sehr aufschlussreiche und sehr kluge Darstellung des amerikanischen Melodrams als sozialkritische Form. Damit ist schon mal was anzufangen, denn die diesem Genre eigene exzessive Emotionalität, die zielsicheren Angriffe auf die Tränendrüsen, die erbarmungslose und manchmal fast gewaltsame Psychologisierung sämtlicher Konflikte ist auch in dem uns zeitgenössischen Hollywoodfilm ein zentrales Wirkungsmuster. So wurde ja auch gerade das Melodram schon oft als besonders spektakuläres Symptom der „Weltflucht" Hollywoods bzw. der ideologischen Agenda des Hollywoodsystems diagnostiziert. Gerade jedoch das kritische Potential der Emotionalisierung ist es, das Decker beleuchtet und im Kontext amerikanischer Sozial- und Kulturgeschichte diskutiert. Seine These eines eigenen und durchaus eigentümlichen kritischen Blicks des frühen und klassischen Hollywoodfilms, leitet er einerseits aus literarischen und theatralischen Traditionen amerikanischer Populärkultur des 19. Jahrhunderts ab, die Kino in verschiedenster Weise aufgegriffen und fortgeschrieben hat. Zum anderen versteht Decker es, die verschiedenen Facetten herauszuarbeiten, die die Herausbildung des Kinos als „Betrieb" und Industrie mit der Geschichte der sozialkritischen Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft seit der Jahrhundertwende verbindet. So formiert in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts das Kino als Industrie ja unter den Bedingungen der Reformbewegungen der so genannten „progessive era" und der spätere Tonfilm setzt seine Ästhetiken und Dramaturgien während der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre durch. Mit den 50er Jahren schließlich, kommt nicht nur das klassische Hollywoodsystem an sein Ende; sie sind auch eine letzte Blütezeit des Melodrams als eigenständigem Genre, was viele Beobachter als Spiegel und Ventil der politischen und moralischen Repression der Zeit erkennen.
Nicht zuletzt die Filmanalysen von Klassikern des Genres, die Decker vorlegt, zeigen, dass „Hollywoods kritischer Blick" nie ungebrochen oder gar durchs kalte Okular der Gesellschaftstheorie auf die amerikanische Gesellschaft fällt, sondern sich vielmehr in Formen des Melodramatischen buchstäblich verkörpert und über Emotionalität und Empathie seinen Weg eben nicht nur in die Köpfe, sondern auch die Körper von Zuschauern findet. Die Filmanalysen stellen daher auch den nachhaltigsten Gebrauchswert dieses Bandes dar: Nicht nur weil sie viel Sekundärmaterial zusammentragen, das so noch nicht verfügbar war und nun gut als Ergänzung der Standardlexika dienen kann, sondern vor allem, weil sich in der konkreten Auseinandersetzung mit der Ästhetik einzelner, kanonischer Filme die manchmal melodramatisch hoffnungslose Verstrickung dieser Werke in ihr Produktions- und Wahrnehmungsschicksal zeigt. Es sind diese Filmanalysen, die es uns erlauben, einen neuen Zugang zu Film- und Kinogeschichte zu finden, indem sie uns eine neue Filmerfahrung ermöglichen. Allerdings muss an dieser Stelle auch eine kleine Rüge angebracht werden: Ein Index, der Filmtitel und Themengebiete über die Gliederung hinaus schnell auffindbar machen würde, wird dann doch schmerzlich vermisst.