© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
Wer ist hier eigentlich ein Fels in der doch ziemlich tosenden Brandung? In der ersten Einstellung peitschen die Meereswogen auf einen Felsen, doch die Kamera zieht sich in einer ungeheuer beeindruckenden, langsamen Kranfahrt zurück. Bald ist das Meer nur noch durch einen äußerst schmalen Schlitz in der Mauer eines offenbar recht extravaganten Anwesens zu sehen. Es scheint, als habe sich hier jemand sein eigenes Gefängnis allegorisch gezimmert, mit Prunk, aber auch in Angst, was einen außerhalb der Mauern erwarten kann. Dabei könnte das Draußen genauso gut Gefahr und Tod (die zerschellenden Wellen) wie Rettung (eben der Fels in der Brandung) bedeuten.
Genau so ist es auch. Die reiche, exzentrische Mrs. Goforth (Elizabeth Taylor) führt hier auf ihrer Privatinsel in Italien ein eisernes Regiment und lässt im wahrsten Sinne des Wortes niemanden an sich heran. Sie kann sogar (seltsamerweise unbehelligt von der italienischen Polizei und Justiz) Eindringlinge töten. Und sie hat viele Menschen sterben sehen, allein sechs Ehemänner. Das alles fällt ihn nicht schwer, aber stattdessen das eigene Sterben. Obwohl sie kränkelt und behauptet zu wissen, dass sie diesen Sommer nicht überleben werde, hat sie große Angst, dem Tod ins Auge zu sehen. Sie feilt an ihrem Vermächtnis (ihren Memoiren), traut sich aber nicht, an den Teil der Klippe zu gehen, an dem die Balustrade aufhört - ihr fehlt tatsächlich der Halt. Sie weiß um ihre Krankheiten, kokettiert gelegentlich damit, aber sie scheut Dinge wie das Blut und das (Sonnen-)Licht. Blut sieht man in diesem Film einige Male sehr symbolträchtig. Ein Mal wird ihr welches abgenommen, mehrere Male muss sie es husten, jedes Mal ist sie darum besonders derangiert. Blut bedeutet für sie nicht nur den Tod, sondern auch ein wahres Leben jenseits der Selbsttäuschungen und zynischen Oberflächlichkeiten, und vor beidem hat sie Angst. Ein Mal sehen wir den Blutfleck auf dem Taschentuch nicht mehr, das Weiß und das Rot sind offenbar verschmolzen, und Mrs. Goforth bezeichnet dies als Rose (darin stecken die Assoziationen zur Blütenfarbe Rot und zur Liebe genauso wie zu Dornen und zum Rot des Blutes). Ein anderes Mal, früher, sehen wir noch in Nahaufnahme den auf das weiße Taschentuch gehusteten kleinen Blutfleck. Er ist fast so etwas wie eine Beschmutzung einer weißen Weste, ein Eindringen des wahren Lebens in eine scheinbar makellose Fassade. Gleichzeitig wird die Farbe Weiß deutlich mit dem Tod assoziiert. Das gefürchtete Sonnenlicht kann man schon als Beginn des hell erleuchteten Tunnels sehen, in den Tote angeblich eintreten. Und der Mann, der Mrs. Goforth schließlich Erlösung bringen wird, ist oftmals mit besonders hellem, weißem, aber kälterem Licht in Szene gesetzt als Mrs. Goforth. Doch auch bei ihm trifft Rot auf Weiß, trifft Blut auf Tod, denn zu Beginn wurde er bei seinem Eindringen in das Anwesen von Wachhunden blutig gebissen. Er bringt den Frieden, das Schwert (er trägt zeitweilig ein Samuraischwert), das Leben und den Tod. Dementsprechend hat er den Beinamen "Engel des Todes". Eigentlich heißt er Mr. Flanders und wird vom gewohnt charismatischen Richard Burton gespielt, aber vielleicht ist er auch ein Teil von Mrs. Goforth, vielleicht ist er ihre unterdrückte Sehnsucht und ihr Schlüssel zum Einsturz ihres Schutzwalls, der gleichzeitig Rettung und Tod bedeutet.
Wegen dieser Deutung, die besonders in der Schlussphase recht faszinierend gefilmt und gespielt wird, hat es mich nicht im Geringsten gestört, dass Richard Burton zu bedeutungsschwer spielt und zu alt ist für die Rolle eines jungen Schönlings, den Autor Tennessee Williams sich hier vorgestellt hatte. Es mag zwar sein, dass ein Schuss mehr ironische Leichtigkeit dem Film gutgetan hätte, aber aus meiner Sicht hätte dies das Todesthema doch sehr in den Hintergrund gerückt zu Gunsten eines ungleich schwächeren, banalen Themas: Die durchgeknallte Exzentrikerin braucht auch nur mal einen anständigen Kerl, der es ihr kräftig "besorgt". Gerade weil Mrs. Goforth so außergewöhnlich exzentrisch und neurotisch ist, hätte dieser Aussage eine ärgerliche Verallgemeinerung innegewohnt, nach dem Motto: Nicht einmal die ist anders als alle Frauen, denen bloß einmal ein saftiger (....) fehlt.
Gewisse Tendenzen in der ersten Hälfte des Filmes weisen in diese Richtung ("Ich brauche einen Liebhaber"); erst kurz nach der Hälfte der Zeit konzentriert sich der Film auf das faszinierende Kammerspiel zwischen Taylor und Burton und auf die höchst interessante, ambivalent-paradoxe Todesbedeutung als Untergang und Rettung. Dort ist er faszinierend, zuvor ist er mitunter schier unerträglich. Etwa eine Stunde lang kommen Burton und Taylor so gut wie nie zusammen. Stattdessen wird Mrs. Goforth in ihrer Exzentrik viel zu forciert eingeführt, die Figur bleibt uns dadurch lange Zeit fremd, die Gefühlsausbrüche wirken völlig überzogen und bisweilen lächerlich. Hinzu kommt, dass Elizabeth Taylor jeden Freiraum der Welt hat, um sich selbst zu inszenieren. Man kann es kaum ertragen und auch kaum verstehen, dass sie auf einmal auf dem Bett von einem ihrer Gatten schwadroniert und dabei ihre Todesangst von damals unvermittelt heftig wieder auflebt. Ihre Kostüme (von denen eine wie ein Korallenriff aussehende riesige Kopfbedeckung besonders unangenehm hervorsticht) haben genau so etwas Prätentiöses wie ihr Habitus. Ihr Anwesen ist zwar kunstvoll gebaut, ausgestattet und gefilmt, beispielsweise mit Fenstern wie Augen, symbolträchtigen Kunstwerken und griechisch anmutenden Säulen. In manchen Szenen jedoch inszeniert sich die Taylor mit arg bemühtem würdevoll-strengen Blick und weißen, wallenden Kostümen an markanten Plätzen und Fenstern wie eine lebende Säulenheilige ihres Tempels. Dies sowie ihre manierierten Ausbrüche wirken reichlich selbstverliebt und bis zum Geschmacklosen prätentiös. "Joseph Losey gab ihr nicht die disziplinierte Regie, die sie braucht", nennt es Buchautor Foster Hirsch. "Irritierend ist nicht Taylors Übertreibung, sondern dass Losey ihr nicht Einhalt gebot", nennt es Film- und Buchfreundin Christine, hier bei Amazon. Bereits die ebenfalls bei Amazon veröffentlichten Bilder aus dem Film legen Zeugnis hiervon ab.
Dieser Film ist äußerst schwer zu bewerten. Nachdem ich lange Zeit dachte, dass es mehr als zwei Sterne auf keinen Fall werden dürfen, haben mich doch die letzten ca. 40 Minuten sehr fasziniert. Und es ist dieser Eindruck, mit dem man den Fernseher ausmacht und der bleibt. Daher erweise ich mich als sehr großzügig und gebe - gerade noch - vier Sterne, obwohl es lange heißt: Aussitzen, per aspera ad astra. Zu Beginn ist "Brandung" eigentlich ein schmerzlicher Fall der Gattung "große kranke Filme". Kunstvoll, aber hoffnungslos misslungen. Man merkt schon, dass da keine Dilettanten wie Ed Wood oder Jess Franco am Werk waren, man merkt schon, dass Joseph Losey ein Meister des kleinen Details und der Inszenierung des filmischen Raumes ist. Neben den vielen beeindruckenden Perspektiven auf Teile des architektonisch faszinierenden Hauses und der Außenanlage überzeugt Losey auch bei den Nebenfiguren. Noel Coward spielt den "Hexer von Capri", einen alten zynischen Lebemann, der Mrs. Goforth vorhält, was aus ihr werden kann, wenn sie die schmerzliche Rettung von Mr. Flanders nicht annehmen wird. Seine Selbstgefälligkeit wird mit einem hübschen Rückwärtszoom illustriert, bei der wir erst kurz nach dem Schnitt auf ihn sehen, dass er von einem Bediensteten auf den Schultern getragen wird, was für alle das Normalste von der Welt zu sein scheint. Wie der "Hexer" Mrs. Goforth den Spiegel vorhält und sie eigentlich "auseinandernimmt", zeigt sich daran, dass wir bei einem Dinner der beiden Coward hinten links (von vorne) und die Taylor vorne links (unscharf, von hinten) sehen, und im rechten Vordergrund tranchiert ein Diener die ganze Zeit mit immer denselben Bewegungen ein gebratenes Schwein. Es sieht ein bißchen unnatürlich aus, so dass wir sogleich die Vermutung haben, dass es sich eher um Schnitte in das Fleisch von Mrs. Goforth, ausgeführt durch den "Hexer", handeln soll. Ein herrlicher beiläufiger Zynismus ist, wie Mrs. Goforth wieder einmal einen ihrer Diener ziemlich unsanft anschnauzt, dieser aber nur ein Mal in die Hände zu klatschen und auf Scherben zu zeigen braucht, um diese Demütigung nach unten weiterzugeben (dies ist offenbar so selbstverständlich, dass die Geste sehr beiläufig ohne Schnitt zu sehen ist und wir nicht einmal mehr zu sehen brauchen, wie diese Anweisung ausgeführt wird). Doch dies sind Aufmerksamkeiten am Rande, die in der Anfangsphase des Filmes um ein leeres und hanebüchenes Zentrum kreisen. Warum hat diese Frau eigentlich noch niemand festgenommen, wenn sie sogar auf ein sich näherndes Boot schießen lässt? Warum halten es Bedienstete dort länger als einen Tag aus? Warum sollte uns Mrs. Goforth mehr als ein Achselzucken beim Lesen ihrer neuesten Eskapaden in der Yellow Press interessieren?
Am Ende hat es mich wie gesagt dann doch interessiert, so dass ich bei etwas subjektiven vier Sternen bleibe. Es möge mir jedoch niemand sagen, nicht gewarnt gewesen zu sein!