Allein schon diese pink angemalten Brustwarzen auf dem farblich verfälschten und verhäßlichten Jayne-Mansfield-Zerrbild des Covers... Kurz gesagt, dieses Buch ist ein widerwärtiges Ärgernis, das die primitivsten voyeuristischen Instinkte hemmungslos bedient. Eine plumpe, sensationsgierige, blut- und sexrünstige Sprache, gegen die die BILD ein Musterbeispiel an Anstand ist. Eine Reduktion des Inhalts auf Skandale, was zugegebenermaßen das Anliegen und Thema des Buches ist, aber in der Art und Weise der Darbietung einen geradezu gefährlichen Effekt hat: Der Leser (und bei einigen Mitrezensenten kann man ob soviel Leichtgläubigkeit tatsächlich erschrecken) denkt, Hollywood sei ausschließlich ein Sündenpfuhl. Es ist diese Verabsolutierung, die stört. Natürlich gibt es böse Buben und Mädchen in der Filmmetropole, aber sie ist nicht "das" Böse! Anger bedient beim Leser eine bigotte Doppelmoral, die schlicht widerlich ist: Man kann sich mokieren und erheben über das "unanständige" Hollywood, bis man nicht mehr merkt, dass in Wirklichkeit etwas ganz anderes unanständig ist: dermaßen in schmutziger Wäsche zu wühlen, sich an Privatangelegenheiten aufzuge*len und sich selbstgerecht zurückzulehnen nach dem Motto, "da bin ich aber weitaus anständiger als diese Hollywoodleute". Nein, wer so tickt, sieht - bei dem Buchtitel "Babylon" mögen mir biblische Metaphern erlaubt sein - nur den Splitter im Auge der Hollywoodstars, aber nicht den Balken im eigenen. Und wer solche Bücher schreibt, dito. Machen wir es doch einmal konkret fest an - wem wohl? - Jean Harlow. Ja, ihr Ehemann Paul Bern erschoss sich, keine schöne Geschichte, kann man nicht leugnen. Anders als
bessere Autoren ist Anger aber gar nicht um Erhellung der Hintergründe bemüht, sondern zeigt mal eben das Bild des Toten in der Wohnung, wie er gefundne wurde. Muss das sein? Ist sowas nicht eher für die Polizeiakte als für ein Schmuddelbuch? Jeder Leser, der aufgrund des Buches die "Würdelosigkeit" Hollywoods anprangert, muss sich doch wohl fragen lassen, wo eigentlich Respekt, Würde, Anstand, Werte eines Autors wie Anger geblieben sind. Oder des Lesers.
Man mag mir vorwerfen, dass ich das Buch zu ernst nehme, dass man es als Gruseltrash genießen kann. Die anderen Rezensionen geben aber durchaus Anlass zur Sorge. Und wenn schon knackiger Schund, kann dann der Anger nicht einen fiktiven Roman schreiben, muss er reale Leben fleddern, zumal die Beschriebenen beim Erscheinen des Buches noch Verwandte, Freunde, Ex-Partner, Weggefährten hatten? Und muss er nicht nur geschmacklos, sondern auch schludrig mit dem Bildmaterial umgehen? Hierzu das letzte Beispiel: Ein unsagbar hässliches Nacktfoto von Jean Harlow ziert eine Doppelseite. Man weiß, dass Jean tatsächlich für (Fast-)Nacktfotos posiert hatte, für den hochangesehenen Fotokünstler E. B. Hesser und in sehr ästhetisierter Form, daran ist nichts Schweinisches. Das bei Anger abgedruckte Bild hingegen riecht nach plumpdreister Fälschung. Nicht nur, dass alle anderen Bilder Jeans völlig anders aussehen (mir ist das Buch von
Rooney/Vieira bekannt, Ersterer hat eine der weltgrößten Jean-Fotosammlungen). Auch weist das Anger-Bild an den Körperrändern dermaßen unnatürliche Konturen auf, dass es nach zusammengeschnippelt aussieht. Wofür ein Weiteres spricht: An Ende des Buches findet sich eine lange Liste mit Abbildungsnachweisen, und grad eine Abbildung wird dort eben nicht nachgewiesen. Welche wohl? Ein Bild, das die Welt nicht braucht, ein Bild von Hollywood, das die Welt nicht braucht, ein Buch, das die Welt nicht braucht.