Aus der Amazon.de-Redaktion
Wer David Sedaris von seinem ersten, sehr erfolgreichen Buch
Nackt kennt, weiß, daß wenn er sich bei diesem Autor voller schräger Einfälle und schwarzem Humor auf Erzählungen zum Thema Weihnachten einläßt, er nicht mit den üblichen besinnlichen Storys zum geruhsamen Fest rechnen darf. Herrlich bösartig ist das Tagebuch, das der Erzähler während seiner aufreibenden Tätigkeit als Zwerg im größten Kaufhaus der Welt, bei Macy's, führt. Und es glaube keiner, daß es nur eine Art von Zwergen gibt. "An einem x-beliebigen Tag kann man Eingangszwerg, Trinkwasserspenderzwerg, Brückenzwerg, Eisenbahnzwerg, Irrgartenzwerg, Inselzwerg, Zauberfensterzwerg, Notausgangszwerg, Ladentischzwerg, Zauberbaumzwerg, Zeigezwerg, Weihnachtsmannzwerg, Fotozwerg, Platzanweiserzwerg, Kassenzwerg, Rennzwerg oder Ausgangszwerg sein." Für den höflichen Fotozwerg ist es alles andere als leicht, den stolzen Familien verständlich zu machen, daß sie ihre eben geschossenen Fotos erst im Januar erhalten werden.
Auch der Brief einer gebeutelten Mutter und Hausfrau zu den Festtagen "Frohe Weihnachten allen Bekannten und Verwandten" in der zweiten Erzählung hat es in sich. Während sie einen kurzen, aber schockierenden Rückblick auf das vergangene Jahr hält, schreiben sich die eigenen Weihnachtsgrußkarten schon viel leichter. Denn nach dieser Lektüre kommt einem die persönliche Vergangenheit, egal mit welchen Tiefschlägen zu kämpfen war, heiter und erfreulich vor.
Alle Leser, die sich gerne für eine Stunde dem üblichen Weihnachtskitsch entziehen wollen, die sollten sich ein ruhiges Plätzchen im Getümmel suchen und sich die glänzend übersetzten Geschichten von Harry Rowohlt gönnen, tief durchatmen und sich erfrischt dem Weihnachtsrummel stellen. --Manuela Haselberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Merry Christmas
David Sedaris' «Holidays on Ice»
Er hat uns im Sturm eingenommen. Ohne Rüstung, ohne Wehr, mit heruntergelassenen Hosen. Einfach «Nackt»: So heisst das erste auf deutsch übersetzte Buch von David Sedaris, das dem Haffmans-Verlag einen enormen Erfolg und den Lesern eine enorme Lust auf mehr bereitete. Nun gibt es mehr: Passend zur Saison ist der Erzählband «Holidays on Ice» (engl. 1998) erschienen, wieder übersetzt vom erstklassigen Harry Rowohlt: fünf verrückte Weihnachtsgeschichten von einem, der bei Knecht Ruprecht in die Lehre gegangen ist.
Inzwischen ist er schon gross, der autobiographische Ich-Erzähler, den wir in «Nackt» als kindlichen Kleinstadtneurotiker kennengelernt haben: Inzwischen ist er 33 Jahre alt, 1,63 Meter klein und Grossstadtneurotiker. Vor drei Wochen kam er voller Hoffnungen nach New York, aber dort haben sie ihn weder beim Fernsehen gewollt noch beim UPS-Päckchendienst. Erst bei Macy's haben sie ihn genommen: als Zwerg im WeihnachtsLand. «An einem x-beliebigen Tag kann man Eingangszwerg, Trinkwasserspenderzwerg, Brückenzwerg, Eisenbahnzwerg, Irrgartenzwerg, Zauberfensterzwerg, Notausgangszwerg, Ladentischzwerg, Zauberbaumzwerg, Zeigezwerg, Weihnachtsmannzwerg, Fotozwerg, Platzanweiserzwerg, Kassenzwerg oder Ausgangszwerg sein.» Und David Sedaris macht alle Stationen durch. Womit er sich da so herumzuschlagen hat, erzählt er in der Geschichte «Die WeihnachtsLand-Tagebücher», die mit Abstand die beste des neuen Buchs ist. Denn wieder ist es die eigene Haut, die der 1956 einen Tag nach Weihnachten geborene Autor durch den Kakao zieht, und sein liebevoll bitterböses Gekabbel mit sich und der (amerikanischen) Welt ist tausendmal komischer als die hyperbolische Rollenprosa, an der er sich später gleichfalls versucht.
Dass Familien sich selten so in die Wolle kriegen wie am Fest der Liebe, ist eine Tatsache. Im WeihnachtsLand von Macy's erlebt man die Schrecken von Merry Christmas im Schnelldurchlauf. Eine Stunde anstehen, rein ins Haus des Weihnachtsmanns, dem Weihnachtsmann das Kind auf den Schoss setzen, klick, raus und an der Kasse die bestellten Photos bezahlen: Das hält die durchschnittliche Mutter mit quengelndem Kleinkind, brüllendem Baby und nörgelndem Mann kaum ohne lautstarken Stimmaufwand durch. «Heute abend habe ich eine Frau gesehen, die ihre schluchzende Tochter schlug und schüttelte, wobei sie schrie: Verdammtnochmal, Rachel, mach, dass du auf den Schoss dieses Mannes kommst, sonst geb ich dir einen Grund zum Flennen.»
Die Eltern zücken ihre Videokameras, übersprühen ihren kleinen Goldschatz noch schnell mit Haarspray und die Augen des Weihnachtsmanns gleich mit und sagen ihrem Sprössling dann, was er sich vom Santa Claus zu wünschen hat: all die schönen Sachen eben, die sie bereits besorgt haben. Manchmal haben sie mit ihren Kindern auch edlere Wünsche eingeübt wie «Ich wünsche mir . . . dass Prokton und . . . Gamble . . . Gamble mit . . . mit den Tierversuchen aufhören. Die Mutter sagte: Procter, Jason, Procter and Gamble heisst das. Und was machen sie mit den Tieren? Foltern sie die Tiere, Jason? Ist es das, was sie mit den Tieren machen?» Zwischendurch stolpern Ausländer beim Weihnachtsmann herein, die aus Versehen ins WeihnachtsLand geraten sind. «Der verwirrte und erschöpfte Ausländer sieht sich einem bärtigen Mann in roter Kleidung gegenüber und sagt: Ja, okay. Ich gehe gut heute. Er gibt dem Weihnachtsmann die Hand und rennt, aufgewühlt, zum Hinterausgang.» Und wenn sich die Realsatire erschöpft hat, mischt der Pausenzwerg David Sedaris das WeihnachtsLand von Macy's mit munteren Sondereinlagen auf.
Schade nur, dass er es nicht dabei belassen hat. «Frohe Weihnacht allen Bekannten und Verwandten!!!» kündet sich der Weihnachtsbrief einer fremdenfeindlichen Hausfrau an, die ihr eigenes Enkelkind in die Waschmaschine gesteckt hat und auch sonst ziemlich überspannt ist. «Nach einer wahren Begebenheit» zeigt einen Fernsehproduzenten auf der unbarmherzigen Jagd nach einer Weihnachtsgeschichte, koste es, wen es wolle. «Weihnachten heisst Schenken» schliesslich ist eine Groteske, die mit dem Prinzip des keeping up with the neighbours spielt. Am Schluss spendet der Nachbar einen Lungenflügel, was der Erzähler mit der ganzen Lunge, beiden Augen, einer Niere und mehreren Adern kontert, während seine Frau die Kopfhaut, die Zähne und ihre Brüste offeriert. Nun ja. Da macht «Der Kleinstadt-Grosskritiker» doch deutlich mehr Spass. Seine Langeweile beim Kinderkrippenspiel-Gucken hat sicher jeder schon einmal durchlitten. David Sedaris, der bissige Beobachter des alltäglichen Wahnsinns, hat uns im Sturm eingenommen. Und auch auf dem rutschigen Eis on ice lässt er uns so schnell nicht wieder los.
Alexandra M. Kedve
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.