"Da haben wir die Bescherung: Zuerst schenkte uns der Haffmans Verlag mit
Holidays on Ice von David Sedaris den wohl komischsten Schelmenroman zum Weihnachtstrubel -- und nun legt uns der Heyne Verlag die von Harry Rowohlt besorgte Hörfassung des Buchs unter den Tannenbaum. Und der liest die Geschichte vom Aushilfsarbeiter David, der als "Eingangszwerg, Trinkwasserspenderzwerg, Brückenzwerg, Eisenbahnzwerg, Irrgartenzwerg, Inselzwerg, Zauberfensterzwerg, Notausgangszwerg, Ladentischzwerg, Zeigezwerg, Fotozwerg, Kassenzwerg, Rennzwerg oder Ausgangszwerg" dem Santa Claus im Kaufhaus Macy's arbeiten muss, mit derart sprödem Charme, das seine Stimme genau die richtige Geschenkverpackung für diese bitterböse Satire zum Fest der Feste ist.
Angeblich hat Sedaris die skurrilen Szenen von Holidays on Ice selbst erlebt: "Ich ging nach New York, fand aber keinen Job, so wurde ich vom College-Professor zum Weihnachtszwerg in einem Kaufhaus. Bei einer Lesung las ich dann einmal aus meinen Tagebüchern, und die Leute waren hin und weg". Danach schrieb er seine brillante Geschichte vom Weihnachtsirrsinn aus der subversiven Froschperspektive. So gnadenlos witzig wie Sedaris hat noch niemand mit dem Kaufwahn zur gnadenreichen Weihnachtszeit abgerechnet. Und so hemmungslos sarkastisch wie Rowohlt hat das wohl auch noch niemand vorgelesen.
Zwischen jedem Kapitel der (gekürzten) Hörfassung läutet Harry Rowohlt das Weihnachtsglöckchen -- und illustriert so eindringlich, worum es sich bei seiner Lesung von Holidays on Ice eigentlich handelt: Um die beste Möglichkeit nämlich, sich die Zeit zur Bescherung angemessen zu verkürzen. Da kann man eigentlich nur hoffen, dass eine Verfilmung des Buches im nächsten Jahr in den Videoabteilungen der Kaufhäuser liegt; denn sonst haben wir ja nichts für den Wunschzettel im nächsten Jahr.
1 CD, Spieldauer: 74 Minuten. Holidays on Ice ist auch als Kassette erhältlich. --Thomas Köster
Merry Christmas
David Sedaris' «Holidays on Ice»
Er hat uns im Sturm eingenommen. Ohne Rüstung, ohne Wehr, mit heruntergelassenen Hosen. Einfach «Nackt»: So heisst das erste auf deutsch übersetzte Buch von David Sedaris, das dem Haffmans-Verlag einen enormen Erfolg und den Lesern eine enorme Lust auf mehr bereitete. Nun gibt es mehr: Passend zur Saison ist der Erzählband «Holidays on Ice» (engl. 1998) erschienen, wieder übersetzt vom erstklassigen Harry Rowohlt: fünf verrückte Weihnachtsgeschichten von einem, der bei Knecht Ruprecht in die Lehre gegangen ist.
Inzwischen ist er schon gross, der autobiographische Ich-Erzähler, den wir in «Nackt» als kindlichen Kleinstadtneurotiker kennengelernt haben: Inzwischen ist er 33 Jahre alt, 1,63 Meter klein und Grossstadtneurotiker. Vor drei Wochen kam er voller Hoffnungen nach New York, aber dort haben sie ihn weder beim Fernsehen gewollt noch beim UPS-Päckchendienst. Erst bei Macy's haben sie ihn genommen: als Zwerg im WeihnachtsLand. «An einem x-beliebigen Tag kann man Eingangszwerg, Trinkwasserspenderzwerg, Brückenzwerg, Eisenbahnzwerg, Irrgartenzwerg, Zauberfensterzwerg, Notausgangszwerg, Ladentischzwerg, Zauberbaumzwerg, Zeigezwerg, Weihnachtsmannzwerg, Fotozwerg, Platzanweiserzwerg, Kassenzwerg oder Ausgangszwerg sein.» Und David Sedaris macht alle Stationen durch. Womit er sich da so herumzuschlagen hat, erzählt er in der Geschichte «Die WeihnachtsLand-Tagebücher», die mit Abstand die beste des neuen Buchs ist. Denn wieder ist es die eigene Haut, die der 1956 einen Tag nach Weihnachten geborene Autor durch den Kakao zieht, und sein liebevoll bitterböses Gekabbel mit sich und der (amerikanischen) Welt ist tausendmal komischer als die hyperbolische Rollenprosa, an der er sich später gleichfalls versucht.
Dass Familien sich selten so in die Wolle kriegen wie am Fest der Liebe, ist eine Tatsache. Im WeihnachtsLand von Macy's erlebt man die Schrecken von Merry Christmas im Schnelldurchlauf. Eine Stunde anstehen, rein ins Haus des Weihnachtsmanns, dem Weihnachtsmann das Kind auf den Schoss setzen, klick, raus und an der Kasse die bestellten Photos bezahlen: Das hält die durchschnittliche Mutter mit quengelndem Kleinkind, brüllendem Baby und nörgelndem Mann kaum ohne lautstarken Stimmaufwand durch. «Heute abend habe ich eine Frau gesehen, die ihre schluchzende Tochter schlug und schüttelte, wobei sie schrie: Verdammtnochmal, Rachel, mach, dass du auf den Schoss dieses Mannes kommst, sonst geb ich dir einen Grund zum Flennen.»
Die Eltern zücken ihre Videokameras, übersprühen ihren kleinen Goldschatz noch schnell mit Haarspray und die Augen des Weihnachtsmanns gleich mit und sagen ihrem Sprössling dann, was er sich vom Santa Claus zu wünschen hat: all die schönen Sachen eben, die sie bereits besorgt haben. Manchmal haben sie mit ihren Kindern auch edlere Wünsche eingeübt wie «Ich wünsche mir . . . dass Prokton und . . . Gamble . . . Gamble mit . . . mit den Tierversuchen aufhören. Die Mutter sagte: Procter, Jason, Procter and Gamble heisst das. Und was machen sie mit den Tieren? Foltern sie die Tiere, Jason? Ist es das, was sie mit den Tieren machen?» Zwischendurch stolpern Ausländer beim Weihnachtsmann herein, die aus Versehen ins WeihnachtsLand geraten sind. «Der verwirrte und erschöpfte Ausländer sieht sich einem bärtigen Mann in roter Kleidung gegenüber und sagt: Ja, okay. Ich gehe gut heute. Er gibt dem Weihnachtsmann die Hand und rennt, aufgewühlt, zum Hinterausgang.» Und wenn sich die Realsatire erschöpft hat, mischt der Pausenzwerg David Sedaris das WeihnachtsLand von Macy's mit munteren Sondereinlagen auf.
Schade nur, dass er es nicht dabei belassen hat. «Frohe Weihnacht allen Bekannten und Verwandten!!!» kündet sich der Weihnachtsbrief einer fremdenfeindlichen Hausfrau an, die ihr eigenes Enkelkind in die Waschmaschine gesteckt hat und auch sonst ziemlich überspannt ist. «Nach einer wahren Begebenheit» zeigt einen Fernsehproduzenten auf der unbarmherzigen Jagd nach einer Weihnachtsgeschichte, koste es, wen es wolle. «Weihnachten heisst Schenken» schliesslich ist eine Groteske, die mit dem Prinzip des keeping up with the neighbours spielt. Am Schluss spendet der Nachbar einen Lungenflügel, was der Erzähler mit der ganzen Lunge, beiden Augen, einer Niere und mehreren Adern kontert, während seine Frau die Kopfhaut, die Zähne und ihre Brüste offeriert. Nun ja. Da macht «Der Kleinstadt-Grosskritiker» doch deutlich mehr Spass. Seine Langeweile beim Kinderkrippenspiel-Gucken hat sicher jeder schon einmal durchlitten. David Sedaris, der bissige Beobachter des alltäglichen Wahnsinns, hat uns im Sturm eingenommen. Und auch auf dem rutschigen Eis on ice lässt er uns so schnell nicht wieder los.
Alexandra M. Kedve
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.