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Kamo No Chomeis «Aufzeichnungen aus meiner Hütte»
Erst eine Feuersbrunst, dann ein Wirbelsturm, schliesslich ein Erdbeben, dazu eine anhaltende Hungersnot mit Seuchenplage: Es ist ein apokalyptisches Bild, das der japanische Mönch Kamo No Chomei (11551216) in seinen «Aufzeichnungen aus meiner Hütte» zu Beginn des 13. Jahrhunderts von den über ihn und seine Landsleute hereingebrochenen Naturkatastrophen zeichnet. Und die Katastrophen der Geschichte sind nicht weniger zerstörerisch: der Niedergang des Kaisertums, in dessen Folge Kamo gesellschaftlich deklassiert wird, der Aufstieg des Shogunats zu Beginn der militanten Kamakura-Zeit, die mörderischen Kämpfe zwischen den Taira und den Minamoto . . . Für die buddhistische Geschichtsmythologie, die der christlichen an apokalyptischer Zuspitzung nicht nachsteht, ist es das «letzte Zeitalter» des Niedergangs, schreckliche 10 000 Jahre lang dauernd.
Aber so scheint dem Mönch der Verzicht auf die weltlichen Güter, die weltlichen Bindungen beim Auszug aus der höfischen Kaiserstadt Kyoto in die «Hauslosigkeit» leichtgemacht zu werden. Zunächst zieht er sich in eine noch relativ komfortable Eremitage, dann in eine weltabgeschiedene, karge Hütte zurück. Freilich, der innere Abschied von dem «Durst», der weiterhin an die Welt bindet, fällt dem Eremiten dann doch nicht so leicht. Paradoxerweise ist es ausgerechnet das Symbol des Verzichts, der Ort des Ausstiegs: die Hütte, an der nun das Herz hängt. Und wie verhält es sich mit der Kunst, die der weniger erleuchtete als weltflüchtige ehemalige Höfling weiterhin pflegt mit der Poesie, der Tuschmalerei, dem Saitenspiel?
Wie stehen Ästhetik und Kontemplation prinzipiell zueinander? Kann auch die Kunst ein Heilsweg sein? Oder ist sie die letzte, sublimste Form des Verhaftetseins? Und wenn sie das ist, wie steht es dann um die Selbsterlösung, deren strapaziösen Anforderungen auch ein Mönch nur entgehen kann, wenn er sich des Buddhas als Lehrer einer Erlösung in eigener Verantwortung und Regie entledigt, um sich dafür der seligmachenden Kirche des Amida-Buddhismus in die Arme zu werfen? Kurzum: in der so schlicht anmutenden mönchischen Hütte spielt sich ein verwickeltes inneres Drama ab.
Das Buch, das dieses Drama mit den poetisch und psychologisch geradezu raffinierten «Aufzeichnungen» Kamo No Chomeis umreisst, ist einer der bisher besten und auch bibliophil schönsten Bände der «Japanischen Bibliothek» des Insel-Verlags, die eine oft gänzlich unbekannte Literatur in meist guten Übersetzungen und mit den notwendigen Kommentaren erschliesst. Der Haupttext ist knapp: Die Ästhetik der Reduktion, die nicht bloss Form, geschweige denn Technik ist, vielmehr eine Geste des Abstandnehmens, bestimmt das Bild. Ganz vorzüglich das Nachwort von Nicola Liscutin. Es skizziert die Biographie des Autors und den historischen Hintergrund. Die Spannungen, die Widersprüche der «Aufzeichnungen», die der westliche Leser bei der ersten Lektüre nicht ohne weiteres bemerkt, werden nachvollziehbar. Besonders erhellend und aktuell in neospiritistischen Zeiten die Darstellung der Konkurrenz zwischen der strikt auf die Autonomie der Selbsterlösung setzenden klassischen buddhistischen Lehre und der Mittlertätigkeit der neuen Kirchen und Sekten, die die Menschen zuallererst einmal erlösen wollen von den Beschwernissen der Selbständigkeit. Auch in stilistischer Hinsicht ist das Nachwort zu rühmen: Mit einer kongenialen Gabe der paradoxen Verknappung spitzt es die Spannung zwischen dem Haften an der Vergangenheit und dem Bewusstsein der Vergänglichkeit zu. Die Hütte als Ort der Befreiung die Hütte als Ort des Sich-Verlierens.
Ludger Lütkehaus -- Neue Zürcher Zeitung
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