Rabindranath Tagore, Lyriker und Saenger aus Indien, erhielt 1913 zur Ueberraschung Vieler fuer genau dieses Buch den Literaturnobelpreis. "Gitanjali" ist eine Sammlung von Gedichten, in denen es hauptsaechlich um eine beinahe gebethafte Danksagung an den "Herrn" geht oder um eine an einen "Gott" gerichtete Botschaft. Nur wenige Gedichte bleiben allgemein oder wenden sich an den Leser oder eine Geliebte, meist wird der "Meister", der "Herr" sehr explizit erwaehnt. Die Sprache Tagores ist liedhaft, singend, blumig, die Bilder stammen direkt aus Indien, der Lotos, der Monsunregen, naechtliche Opferlampen am Fluss, Blumenketten um die Stirn,...
Es sind Gedichte voller junger Leidenschaft, nicht ruhig und ausgeglichen, kein Resumee eines Lebens, sondern aus dem prallen Leben geschoepft.
Mir erschienen sie deswegen, und eben weil sie sich fast ausschliesslich an einen sehr expliziten Gott wenden, ein wenig einseitig, gerade so, als seien sie fuer ein sehr kleines Publikum geschrieben. Fuer mich persoenlich ist ein Gedicht dann zeitloser, mir naeher, wenn es keine bestimmte Person anspricht, sondern Empfindungen, Bilder in mir weckt, mir die Freiheit laesst, mich selbst oder einen anderen Menschen in dem Gedicht wiederzufinden, womoeglich bei jedem Lesen etwas Neues zu sehen. Dies ist mir in Tagores Gedichten nicht gelungen.
Was aber gewinnt der moderne Leser aus "Gitanjali"? Manche nachdenkliche Zeile, manchen Vers, der ein bezauberndes Bild beinhaltet. Man muss ja vielleicht die Gedichte nicht im ganzen Zusammenhang lieben, und fokussiert man vielmehr auf die Zeilen und Bilder allein, wird vor allem dem westlichen Leser dieses Buch erscheinen, wie ein Tor in eine verwunschene Welt, in der es nach Orangenblueten duftet und nach feuchtem Gras.
Sicherlich wert, gelesen zu werden.