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Leon de Winter: Hoffmans Hunger
"Dieses Jahrhundert muß weg. Ich will es sterben sehen. Das ist die einzige Art, es ihm noch ein bißchen heimzuzahlen."
Letztendlich ist die Sinnsuche gescheitert. Auch Spinozas Definition von Gott bietet Felix Hoffman, der Hauptfigur von Leon de Winters Roman, keinen Ausweg. Verbittert durch die Machtlosigkeit, dem krankheitsbedingten Tod seiner Tochter, sowie der zunehmenden Entfremdung und dem tragischen Drogentod ihrer Zwillingsschwester, entgegenzuwirken, setzt Hoffman seinem Verfall nichts mehr entgegen.
Hoffman, dem niederländischen Botschafter in Prag des Jahres 1989 fehlt die Kraft, letztendlich aber auch die Einsicht, die ihm gestellte Aufgabe, die Vertretung seines Landes und die Unterstützung von tschechoslowakischen Dissidenten, wahrzunehmen. Gezeichnet von schier unstillbarer Freßsucht und Schlaflosigkeit, den Symptomen seiner inneren Verzweiflung und Selbstaufgabe, ist er nur mehr Beobachter des Geschehens, der mehr passiv als aktiv in eine Spionageaffäre gerät. Im Rahmen des sich abzeichnenden Endes des kalten Krieges und des Falles der Berliner Mauer, ist seine halbherzige Spionagetätigkeit, zu der er sich aus Affektion zu einer als Journalistin getarnten Agentin hinreißen läßt, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Felix Hoffman läßt sich nahtlos in die Reihe von Leon de Winters Romanfiguren einreihen. Wie Max Breslauer in "Supertex" oder Lew Sokolow in "Sokolows Universum" ist auch Felix Hoffman, ein intelligenter assimilierter Jude, der alt genug wäre, mit sich selbst ins klare gekommen zu sein, und doch ist er ein Verlorener auf der Suche nach sich selbst. Noch stärker als de Winters andere Romanhelden hofft Hoffman auf geistige Erfüllung, muß aber zur Kenntnis nehmen, daß er Gefangener seines Körpers ist. Die Freßsucht, seine Schlaflosigkeit, sein Herzinfarkt und nicht zuletzt sein Sexualtrieb sind die Auslöser seiner Handlungen, beziehungsweise immer stärker seiner Handlungsunfähigkeit.
Die Auseinandersetzung Hoffmans mit Spinozas Philosophie unterbricht, ja untermalt gewissermaßen, die gekonnt einfühlsame und dichte Erzählung von Hoffmans Schicksal, die dem Leser kein Detail seiner Freßorgien und seiner Stoffwechselprobleme erspart. Das Geistige, das Abgehobene unterliegt letztendlich dem Menschlichen und Realen.
De Winter hat nicht nur die Lebensgeschichte eines allzu menschlichen Helden, sondern auch ein Zeitdokument einer Epoche geschrieben, in der der verlorene Halt und die Suche nicht nur postmodernistische Randerscheinungen sind.
Leon de Winters Roman und damit Hoffman haben das 20. Jahrhundert überlebt, es sei ihnen noch ein langes Leben gegönnt.
De Winters Brillanz zeigt sich - wie auch in den folgenden Büchern - in der präzisen und ergreifenden Erzählung vom zerstörten Seelenleben seiner Protagonisten, an denen Verluste zehren, deren Lebensträume gescheitert sind. Natürlich wird außerdem die jüngere Vergangenheit thematisiert, wie auch ihre - nach de Winters Lesart unzureichende - Bedeutung in der Gegenwart. Dabei scheint die Gewichtung zu viel Fokus auf die Befindlichkeiten der Protagonisten zu legen, aber dieser Eindruck verwischt, gibt man sich der metaphorischen Flut des Romans hin. Ein Buch, das nicht umsonst ein großer Erfolg war und auch verfilmt wurde.
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