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Peter Härtling hat sein Einfühlungsvermögen in das Leben großer Künstler bereits mehr als einmal bewiesen (z.B. in Schubert oder Hölderlin). Auch bei E.T.A. Hoffmann ist ihm dies glänzend gelungen: In einem eher trocken-witzigen Stil folgt er dem umtriebigen Genie durch die Wirrungen seiner schwierigen Existenz zu einem Zeitpunkt, als seine Dreifachbegabung als Maler, Komponist und Schriftsteller noch keine Anerkennung findet und sich Hoffmann allzu oft zum Rotwein und in seine Liebesfantasien flüchten muss. Und doch war Bamberg und die unerreichbare Julia die große Inspiration Hoffmanns, die ihn bald zum Erfolgsautor machen sollte. Hoffmann oder die vielfältige Liebe schildert aufs Eindrücklichste die eigenartigen und zugleich wundervollen Bedingungen der Kunst, wo das Unglück, gerade in der Liebe, eigentlich ein Glück ist -- vor allem für uns Leser, wie auch Härtlings exquisiter kleiner Künstlerroman beweist. --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Diesmal über E. T. A. Hoffmann oder «Die vielfältige Liebe»
Liebesgeschichten sind eine Frage des Geschmacks. Dies zu betonen, ist im Falle Peter Härtlings deshalb angezeigt, weil der Autor seit Jahrzehnten sein ergebenes Publikum besitzt, das jedes neue Buch mit Sympathie zur Kenntnis nimmt. Die braucht es auch, um Härtlings neueste «Romanze» zu goutieren, die sich dieses Mal den Poeten E. T. A. Hoffmann als Sujet ihres erzählerischen Furors ausgeguckt hat.
Härtling hat sich Hoffmanns sogenanntes «Julia-Erlebnis», seine unglückliche Liebe zur blutjungen Bamberger Gesangselevin Julia Marc, zum Thema eines biographischen Romans erkoren, der den Anspruch suggeriert, E. T. A. Hoffmanns künstlerischem «Erweckungserlebnis» auf der Spur zu sein. Es sei allein die Julia-Liebe, die dem Dilettanten Hoffmann jene dichterischen Flügel habe wachsen lassen, die ihn endlich in den Kreis der Klassiker erhoben hätten, ist die Botschaft, die das Buch im Brustton einer Offenbarung kundtut.
Ein Romanstoff, wie ihn sich kein Autor schöner wünschen könnte. Die banale Wirklichkeit dagegen: Hoffmann war ein Spätentwickler. Erst im Alter von 33 Jahren gibt er mit dem «Ritter Gluck» sein literarisches Début. Zuvor entstehen allerhand Kompositionen, denen der Erfolg versagt bleibt, dazu eine Reihe Zeichnungen und Karikaturen. Nicht zu vergessen, dass Hoffmann seinen Brotberuf als Kammergerichtsrat durchaus ernst nimmt. Ein Inspirationsmythos also, der dem Biographen die seelenvolle Feder führt.
Dagegen wäre nichts zu sagen, träfe der Roman nur halbwegs E. T. A. Hoffmanns Wesen. Jener Hoffmann aber, wie ihn Peter Härtling schildert, ist ein trauriger Exzentriker, ein Spiesser wider Willen zwischen Sex und Suff. Von diesem Würstchen wird zwar immer wieder plakatiert, in seinem Kopfe spielten sich die kühnsten Kunstgeburten ab, allein es wird erzählerisch nicht glaubhaft. Das hat mit der Folie, eben Hoffmanns eigener skrupulöser Produktion, zu tun. Im Gegensatz zu Härtling, der mit seinen Helden stets auf Duzfuss steht, liegt E. T. A. Hoffmanns Stärke darin, dass er den eigenen Geschöpfen weder unziemlich auf die Pelle rückt noch ihnen irgendwelche «Anliegen» aufs Auge drückt, wie sie für Härtlings biographische Romane typisch sind.
E. T. A. Hoffmanns Markenzeichen aber wofür Härtling nicht den Funken sympathischen Gespürs besitzt ist sein Sinn für Ironie, sein Kobolz schlagender Humor, sein mörderischer Realismus. Seine Phantastik zeichnet jene Bodenhaftung aus, die Härtlings empfindsamer Suada schmerzlich abgeht es kommt nicht darauf an, heisst es im «Goldenen Topf», im idealen Reich Atlantis unbedingt ein Rittergut zu besitzen; «wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum [unseres] innern Sinns» bekomme jeder ab, der ein dafür empfängliches Gemüt besitze. Notabene: Um genauso viel wie der gewiss verbürgten Julia-Liebe könnte es dem ebenso verbürgten Punschgenuss zu danken sein, dass E. T. A. Hoffmann unvermeidlich irgendwann zu seinem dichterischen Höhenfluge abhob.
Damit aber steht und fällt die Konstruktion der Härtling'schen «Romanze». Jener Schein von Authentizität, den Härtling intendiert und der mit Lieschen Müllers Vorstellung vom Bürgerschreck, Erotomanen und «verrückten Künstler» konvergieren dürfte , ist ein Oberflächenphänomen. «Hoffmanns Erzählungen» die kongeniale Oper Offenbachs mit eingerechnet leben von der Spannung, die dem «Missverhältnis des inneren Gemüts mit dem äusseren Leben», wie es Hoffmann nennt, entspringt, und eben dieses Missverhältnis gerät Härtling, der das innere Gemüt so hohl wie das marode äussere Leben knallig schildert, zum pedantischen Klamauk. Solch schlechtromantische Manier verkürzt das heikle Innenleben Hoffmanns, in dem sich die Musen mit den Furien nächtens ihre Maskenbälle geben, auf die alberne Grimasse vom nervösen «Zappler», Letzteres zumal im Bett.
Peter Härtling schreibt seit dreissig Jahren an demselben einen Buch. Ob Lenau, Hölderlin, Franz Schubert oder Robert Schumann, immer kriecht er seinen Helden schnurstracks in die Eingeweide und damit den eigenen Mystifikationen pfeilgrad auf den Leim. Sein grösster Fehler ist vielleicht: Er will zu viel. Zu viel an Einfühlung, an Poesie, an Nähe. E. T. A. Hoffmann aber ist ein Intimus der Widerspenstigkeit, ein Doppelgänger der ironischen Distanz. Hiesse der Held des Buches Hinz und Kunz, es wäre vielleicht inspiriert. E. T. A. Hoffmann freilich hängt die Latte hoch. Gedenken wir denn seiner schwärmerischen Huldigung mit Nachsicht.
Erika Deiss -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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