Kurzbeschreibung
Das zur Zeit einzige Langzeit-Projekt der deutschen Gegenwartsliteratur, das deutsche Geschichte in Geschichten erzählt - immer unterhaltsam, spannend, oft humorvoll, ausreichend erotisch, aber auch von Gewalt durchsetzt, und wenn belehrend, dann in homöopathischer Dosierung. Geschichte und Geschichten von 1901 bis 1981: Das Leben des Viehhändlers Fritz Levy in Jever/Ostfriesland, der als einziger Emigrant rückkehrt: das wandelnde schlechte Gewissen der Stadt. Als Überlebensstrategie stilisiert er sich zum Michael Kohlhaas und Eulenspiegel, Störtebeker und Che Guevara. Erzählt von dem Postbeamten und Heimatschriftsteller Poggenpohl, der sein eigenes kleines Leben an dem des unfreiwilligen Weltreisenden Levy misst.
Über den Autor
Peter Faecke, geb. 1940, Journalist und Schriftsteller. Er veröffentlichte Hörspiele, Drehbücher, Reportagen, Romane.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Mit nacktem Oberkörper und in kurzer Hose lag Levy in einem Liegestuhl, den er aus dem Sperrmüll gezogen hatte. Er versuchte, nässende Flechten an den Beinen von der Sonne austrocknen zu lassen. Das ganze Anwesen zeigte Spuren starker Verwahrlosung. Für seinen Besitzer waren das freilich immer Anzeichen dafür, dass er sich einem Stadium zweiter Natürlichkeit näherte. Mehrere Verlobte, verschiedene Heimentlaufene, flüchtige Pärchen, einige Vaganten, auch etliche bereits ausgewachsene oder erst noch nachwachsende, längst aber untergegangene Alkoholiker hatten Farbe auf dem Mauer- und Holzwerk verstrichen. Inzwischen wurden Wände, Türen und Fenster nicht mehr vom Baumaterial, den Gesetzen der Physik und den Regeln des Handwerks zusammengehalten. Nicht einmal die pure Stofflichkeit und Konsistenz der Farbe war es, ihre Fähigkeit etwa, eine haltbare, Wasser und Wind abweisende, Fäulnis sowie den Fraß von Insekten und Nagern behindernde Schicht zu bilden. Es musste die pure Farbigkeit der Farbe selbst, die Wirkung ihrer Lichtwellen in Jever sein, von der das ganze Anwesen noch zusammengehalten wurde.
Ein schöner Tag heute sagte Levy.
Ja sagte Egbert, ein selten schöner Tag. Und so früh im Jahr. Alle werden abends wieder sagen, dass wir in einem wirklich schönen Land leben. Und nur du hast es bislang nicht gemerkt.
Ich genieße es in vollen Zügen. Aber ich will auch so einen Sonnenfleck an der linken Hand haben wie du. Überhaupt stört mich nur noch eines. Habe ich nicht sechsundzwanzig Jahre lang in dieser Stadt gepredigt, dass die Vergangenheit ausgegraben werden soll bis auf die letzte, unter einem Pflaumenbaum vergrabene und versteinerte Vorhaut?
Klar.
Siehst du."
Auszug aus Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande von Peter Faecke. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mit nacktem Oberkörper und in kurzer Hose lag Levy in einem Liegestuhl, den er aus dem Sperrmüll gezogen hatte. Er versuchte, nässende Flechten an den Beinen von der Sonne austrocknen zu lassen. Das ganze Anwesen zeigte Spuren starker Verwahrlosung. Für seinen Besitzer waren das freilich immer Anzeichen dafür, dass er sich einem Stadium zweiter Natürlichkeit näherte. Mehrere Verlobte, verschiedene Heim¬entlaufene, flüchtige Pärchen, einige Vaganten, auch etliche bereits ausgewachsene oder erst noch nachwachsende, längst aber untergegangene Alkoholiker hatten Farbe auf dem Mauer- und Holzwerk verstrichen. Inzwischen wurden Wände, Türen und Fenster nicht mehr vom Baumaterial, den Gesetzen der Physik und den Regeln des Handwerks zusammengehalten. Nicht einmal die pure Stofflichkeit und Konsistenz der Farbe war es, ihre Fähigkeit etwa, eine haltbare, Wasser und Wind abweisende, Fäulnis sowie den Fraß von Insekten und Nagern behindernde Schicht zu bilden. Es musste die pure Farbigkeit der Farbe selbst, die Wirkung ihrer Lichtwellen in Jever sein, von der das ganze Anwesen noch zusammengehalten wurde.
Ein schöner Tag heute sagte Levy.
Ja sagte Egbert, ein selten schöner Tag. Und so früh im Jahr. Alle werden abends wieder sagen, dass wir in einem wirklich schönen Land leben. Und nur du hast es bislang nicht gemerkt.
Ich genieße es in vollen Zügen. Aber ich will auch so einen Sonnenfleck an der linken Hand haben wie du. Überhaupt stört mich nur noch eines. Habe ich nicht sechsundzwanzig Jahre lang in dieser Stadt gepredigt, dass die Vergangenheit ausgegraben werden soll bis auf die letzte, unter einem Pflaumenbaum vergrabene und versteinerte Vorhaut?
Klar.
Siehst du. Aber jetzt, wo die Jugendlichen graben wie die Altertumsforscher, stelle ich fest: alles Ausgegrabene ist doch kaum noch von den Knochen verwilderter Hunde zu unterscheiden. Und die ähneln wiederum sehr den Knochen aller Schafe, die wir je im Moor verloren haben. Auch weiß ich nicht mehr, ob ich wirklich einer bin, der sechsundzwanzig Jahre lang versucht hat, in Jever anzukommen. Oder nicht doch dieser andere, der sich damals gleich von dem 18.10 Uhr-Zug, der längst nicht mehr fährt, weggedreht und sich dann ganze sechsundzwanzig Jahre lang von Jever entfernt hat. Meiner Rechnung nach müsste ich dann schon auf dem Eisschelf vor der Antarktischen Halbinsel sein, genauer gesagt zwischen James Ross und Jason Island und nicht weit entfernt von dem Inlett, das sich die Piraten von Mobiloil dort gesichert haben.
Wirklich ein selten schöner Tag heute sagte Egbert.