Seit dem Erscheinen des Buchs von R. Picardie, "Es wird mir fehlen das Leben", ist das Thema Tod, Sterben, Krankheit erneut im Interesse einer breiten Leserschaft. "Hochzeitsnacht" greift dieses Thema von einer ganz anderen Seite auf. Aus der Sicht der todkranken Ann erfahren wir ihre Gedanken, Gefühle, Fieberträume auf ihrer letzten inneren Reise. Minots Sprache lässt den Leser bald selbst diese Gefühle, Gerüche, Stimmen wahrnehmen. Es ist, als würden wir Anns Leben wie in einem Film an uns vorüberziehen sehen, unterbrochen durch Zeitsprünge und das Abgleiten in medikamentenbedingte Hallzuinationen, die nicht immer leicht einzuordnen sind. Anns Kinder, die dem herannahenden Tod ihrer Mutter ganz unterschiedlich begegnen, möchte man manchmal schütteln und ihnen sagen, nützt eure Chance, so real sind ihre Reaktionen beschrieben. Eine tiefe Faszination geht von diesem Buch aus, die noch anhält, wenn das Buch schon wieder seinen Platz im Regal gefunden hat. Gelegentliche Längen führen zu meiner Bewertung mit "nur" 4 Punkten.