Zu Beginn der Lektüre, wenn es um die Definition der Intelligenz und den Sinn und Nutzen der Intelligenztests geht, mögen Eltern ohne Vorkenntnisse in Psychologie und Intelligenzforschung möglicherweise am Sinn des Weiterlesens zweifeln, denn sie lernen etliche Ansätze zur Festlegung des Begriffs Hochbegabung und verschiedene komplexe Tests im Detail kennen, die jedoch überwiegend von der Autorin als unzulänglich verworfen werden. Die mit der Praxis vertraute Dr. Alvarez kann ihre Ablehnung bestens begründen, doch Leser, die unvorbereitet mit der möglichen Hochbegabung ihres Kindes konfrontiert wurden und sich nun informieren möchten, werden eventuell am Ende der entsprechenden Kapitel eher unsicherer sein als vorher, wobei zu berücksichtigen ist, dass in der Wissenschaft der Weisheit letzter Schluss bezüglich der Hochbegabung und der Intelligenz noch längst nicht vorliegt.
In den folgenden Kapiteln überwiegen praktische Tipps für Eltern und Lehrer, die leicht verständlich sind und sich gut umsetzen lassen - und nicht etwa, wie bei manchen beratenden Stellen üblich, pauschale Empfehlungen, Hochbegabte in speziellen Schulen oder Klassen unterzubringen, obwohl auch solche Möglichkeiten objektiv diskutiert werden. Die Autorin nimmt Rücksicht auf die verschiedenen sozialen und persönlichen Hintergründe, mit denen Hochbegabte leben, und auf unterschiedliche schulische Möglichkeiten etwa in Großstädten und "auf dem Lande". Wie der Titel schon andeutet, geht es Dr. Alvarez darum, Hochbegabte als die, den Intellekt ausgenommen, ganz normalen Menschen darzustellen, um die es sich bei ihnen nun einmal handelt, und nicht als tendenziell autistische Intelligenzbestien.
Wer mit hoch begabten Kindern oder Jugendlichen zu tun hat, wird sich über den Anhang freuen: Lehrer finden Angaben zu Unterrichtsmaterial für die Binnendifferenzierung und Literatur über Begabtenförderung, Eltern erfahren ebenfalls, auf welche Weise sie ihr Kind fördern können, ohne Unterrichtsstoff vorwegzunehmen, und lernen darüber hinaus zahlreiche Adressen kennen, die Angebote oder Hilfen bereithalten - auch diverse Wettbewerbe sowie Schulen speziell für Hochbegabte oder solche mit entsprechenden Klassen, sofern man dies befürwortet.
Insgesamt handelt es sich somit um einen sehr nützlichen Ratgeber, der Eltern und Pädagogen hilft, Hochbegabung nicht als Behinderung oder "Syndrom", sondern als förderungswürdige Chance zu begreifen.