Das Wort ,Elite' hat im Deutschen den Klang eines Schimpfworts. Dazu möche man keinesfalls gehören", kann man - sehr treffend formuliert - bei Monika Reinsch auf S. 13 ihres Buches Hochbegabt und gescheit gescheitert?" (2007) lesen. Zwar braucht unsere Wirtschaft fähige Ingenieure und Unternehmer, die aber in einem gesellschaftlichen Umfeld aufwachsen müssen, das - wie Hans-Olaf Henkel in seinem neuesten Buch Der Kampf um die Mitte" (2007) erkennt und beklagt - immer stärker zur Nivellierung neigt. Die Hochbegabung wird damit zu einem Problem, das - wie die steigende Flut der Bücher zum Thema Hochbegabung zeigt - der Quadratur des Kreises ähnelt.
Denn in einer Gesellschaft von Gleichen bleibt für Hochbegabung nur eine Definition, mit der das Problem in zeitgemäßer Form eingeordnet bzw. aus der Welt geschafft werden kann: Die Hochbegabung muß als eine Form von Krankheit definiert und entsprechend behandelt werden. Folgerichtig häufen sich die Bücher mit Titeln wie Hochbegabte verhaltensauffällige Kinder" von Letizia Gauck (2007) und Hochbegabt oder gescheit gescheitert?" (eingangs bereits zitiert).
Konsequenterweise begreift ein 2005 in der Schweiz erschienenes Handbuch zur interdisziplinären Begabungs- und Begabtenförderung" (ISBN 3-264-83605-X) auf S. 24ff. Hochbegabung als Thema der Sonderpädagogik". Damit wird die Gleichstellung der Hochbegabten mit Blinden und anderen Behinderten endlich vollzogen.
Detlef H. Rost dürfte der einzige deutsche Psychologie-Professor sein, der sich mit seiner ganzen Kraft und Gelehrsamkeit gegen den Zeitgeist stemmt, auch und vor allem mit diesem Buch hier. Denn seit der Hochbegabtenuntersuchung von Terman vor fast einem Jahrhundert in Kalifornien ist bekannt, daß Hochbegabte nicht nur einen sehr hohen IQ haben, sondern sich auch durch soziale Anpassung und fast ausnahmslos durch beruflichen Erfolg auszeichnen.
Für die meisten Hochbegabten ist - wie Rost betont - die Schule eine Übung für das Berufsleben die sie gut bestehen, ohne dabei in der Schule ständig durchzudrehen oder verrückt zu spielen, wie von den Sonderpädagogen suggeriert wird. Denn wer im Beruf zu gut ist und mit seiner Arbeit zu sehr über dem Mittelmaß liegt oder der Zeit voraus ist, der hat nun einmal Ärger und immer wieder Ärger. Die Schule ist bis zum Abitur die lange und nützliche Vorübung darauf, daß man oft besser fährt, wenn man sein Licht auch unter den Scheffel stellen kann und sich entsprechend den Umständen "sozial" verhält. Selbst eine Angela Merkel trug, wie fast alle anderen Spitzenleute, die vor 1989 in der DDR unauffällig lebten, das Blauhemd der FDJ.
Das Buch von Rost ist das sachkundigste und beste, was zum Thema Hochbegabung in Deutschland in den letzten Jahren geschrieben worden ist.