Wer vor wissenschaftlicher Fachliteratur zurückscheut und trotzdem nicht auf die neuesten Erkenntnisse der Begabungsforschung verzichten möchte, ist mit dem kürzlich erschienenen Buch Hochbegabte Kinder und Jugendliche. Diagnose - Förderung - Beratung" gut bedient.
Das Psychologenehepaar Sabine und Tim Rohrmann, sie aus der Begabtenberatung und er aus der allgemeinen pädagogischen Psychologie kommend - versuchen das Thema Hochbegabung von Klischees und Mythen zu befreien. Sie haben einen Ratgeber geschrieben, der weit über dem Niveau der üblichen Hochbegabtenliteratur für Eltern hinausragt und in einigen Teilen sogar Handbuchcharakter trägt.
Hochbegabte Kinder sind so normal wie alle anderen Kinder auch - es ist beruhigend, diesen Satz aus unserer Beratungsarbeit auch in einem Fachbuch zu lesen. Warum dann über 200 Seiten zum Thema Hochbegabung? Das Thema lässt sich nicht wegdiskutieren; vielerorts werden Eltern inzwischen von Bekannten, Erzieherinnen und Lehrkräften aufgefordert, eine Hochbegabung abzuklären", was viele Eltern erst einmal beunruhigt. Sie fragen sich, was folgt nach der Diagnose? Kommen Schwierigkeiten, finanzielle und persönliche Belastungen auf die Familie zu? Auch Lehrkräfte fürchten sich vor dem Erwartungsdruck mancher Eltern. Sind Hochbegabte automatisch zu hohen Leistungen vorbestimmt oder sogar verpflichtet?
Das Ehepaar Rohrmann schildert diese Befürchtungen, die ihrer Meinung nach nicht notwendig sein müssen. Im theoretischen Teil ihres Buches stellen sie ausführlich die wissenschaftlichen Grundlagen des Themas Hochbegabung dar. Das Thema Intelligenztests wird ausführlich angesprochen; die verschiedenen Intelligenztests werden in ihrer Qualität beurteilt. Allein dieser Teil des Buches kann Eltern zu einem gelasseneren Umgang mit dem Thema verhelfen, ob sie ihr Kind testen lassen sollen, bzw. wie aussagekräftig ein Testergebnis ist.
Die Idee, eine Hochbegabung abzuklären" ist nach Meinung des Autorenehepaars übrigens irrig, denn geklärt werde mit einem IQ-Test erst einmal gar nichts. Nur eine ausgiebige anschließende Beratung kann Probleme angehen, die größtenteils Erziehungsprobleme darstellen wie bei normal begabten Kindern auch.
Wer glaubt, hoch begabte Kinder seien etwas ganz anderes als die normalen" Kinder, wird sich über das Buch ärgern. Die Autoren gehen davon aus, dass die meisten hochbegabten Kinder keine Probleme haben. Treten doch Probleme in Familie oder Schule auf, sind sie selten mit den Thema Hochbegabung" zu erklären. Rohrmanns warnen wie andere Autoren inzwischen auch vor dem Etikett Hochbegabung und vor allem vor einer frühen Etikettierung, z.T. sogar bereits im Kindergartenalter.
Und auch andere Klischees fegen sie einfach weg: Underachiever, also Kinder, die nicht so gute Noten haben wie ihr IQ erwarten lässt, leiden nicht an Unterforderung, sondern u.a. an fehlenden Arbeitstechniken. Gelegentliche Schulunlust kann auch für Hochbegabte kein Grund sein, den Schulbesuch zu verweigern. Auch Hochbegabte brauchen klare Regeln. Sehr eifrige Mütter sollten ihre Rolle bei der Erziehung überdenken. Hochbegabung allein führt nie zu einer seelischen Behinderung und ist kein Fall für die Jugendhilfe.
Auch manche Elternvereine, die vermeintliche Andersartigkeit der hochbegabten Kinder auf ihre Fahnen geschrieben haben, werden sich mit diesen Thesen auseinandersetzen müssen, wollen sie nicht auf das Abschiebegleis der Unwissenschaftlichkeit abgeschoben werden.
Fazit: Ich möchte dieses Buch allen empfehlen, die beruflich oder ehrenamtlich mit dem Thema Hochbegabung zu tun haben. Es werden viel mehr Themen angeschnitten als in dieser Buchbesprechung erörtert werden können. Und bevor interessierte Eltern zu einem Allerweltsratgeber greifen, der frei von wissenschaftlichen Erkenntnissen die Angst vor der falschen Behandlung von hochbegabten Kindern schürt, sollten sie lieber dieses fundierte Werk des Ehepaars Rohrmann lesen.
Irene Mundel, 1. Vorsitzende Landesverband Hochbegabung BW e.V., www.lvh-bw.de