1982 adaptierte James Ivorys langjährige Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala ihren eigenen, mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman "Heat and Dust" für diese Verfilmung: In Gesprächen mit dem früher in Indien lebenden Harry Hamilton-Paul erklärt die britische Journalistin Anne (Julie Christie) ihre Pläne, nach Satipur zu fahren. Dort will sie dem Leben ihrer Großtante Olivia (Greta Scacchi) nachspüren, die in den 1920er Jahren für einen handfesten Skandal gesorgt hatte. Der Film spielt auf zwei Zeitebenen. Im Satipur des Jahres 1982 hat sich Anne bei einer indischen Familie einquartiert und sucht nach Hinweisen auf das Schicksal ihrer Großtante. Auf der anderen Zeitebene wird die Geschichte Olivias erzählt, die Anfang der 1920er Jahre ihrem Ehemann, dem Kolonialbeamten Douglas Rivers, nach Indien folgt. Während Anne in langen Gesprächen mit ihrem Vermieter Inder Lal und dem amerikanischen Aussteiger "Chid" eine tiefe Zuneigung zu Indien entwickelt, tut sich Olivia zunächst schwer. Gelangweilt vom "gesellschaftlichen" Leben der britischen Kolonialherren, schockiert sie ihre Landsleute mit ihrem unvoreingenommenen Interesse für Land und Leute. Konflikte sind programmiert. Während ihr Ehemann die angeblich kindliche Mentalität der Inder belächelt, kann Olivia nichts Kindliches an ihnen ausmachen. Der Zuschauer ahnt, dass die Begegnung mit dem Provinzfürsten der Nachbarregion, des Nawab von Khatm (Shashi Kapoor), Olivia verändert hat. Tatsächlich nutzt Olivia die Besuche zu ihrem im Palast des Nawab wohnenden englischen Landsmannes Harry (jener, mit dem sich Anne Jahrzehnte später unterhält) dazu, auch freundschaftliche Bande mit dem Fürsten selbst zu knüpfen.
Anne und Olivia kommen aus unterschiedlichen Motiven nach Indien. Während Olivia als "Memsahib" kommt, ist Anne eine Sinnsuchende, die mit Pilgern am heiligen Fluss und weisen Frauen Indiens das Gespräch sucht. Beide Frauen werden schwanger. Für Olivia bedeutet dies eine Katastrophe und nur mit persönlichen Entbehrungen wird sie ihr Leben retten können. Anne wird durch die Schwangerschaft mit der bisherigen fehlenden Bedeutung ihres Lebens konfrontiert und kann sich schließlich auf ihr Kind freuen. Zwei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Lösungen für ihre Probleme suchen und finden.
Für Merchants Entdeckung Greta Scacchi war es ihr Filmdebüt, Shashi Kapoor ist ein Urgestein des indischen Kinos. Er arbeitete schon öfters für Merchant-Ivory, aber erst jenseits der Vierzig entfaltet er eine sinnlich- verführerische Aura, der man sich nur schwer entziehen kann.
Der Film ist eine glänzende Darstellung von Grenzgängern zwischen zwei Kulturen. Erzähltechnisch und inszenatorisch ist der Film brillant. Die beiden Handlungsebenen korrespondieren miteinander. Kameraarbeit und Schnitt evozieren viele Aha-Erlebnisse, z.B. wenn Inder Lal sein Büro verlässt, das sich auf der anderen Erzählebene als Olivias Wohnhaus herausstellt oder wenn sich Inder Lal und Anne über Beziehungen zwischen Indern und Europäern unterhalten und scheinbar Mrs. Saunders und Olivia dieses Gespräch fortführen. Die Musik von Richard Robbins verbindet europäische Walzer (die gelegentlich eine eigentümliche Fremdheit erzeugen) mit indischer Folklore.
Auf einer anderen Ebene kann der Film auch als Emanzipationsgeschichte Olivias verstanden werden (Jahre später inszenierte Ivory die heitere Variante "Zimmer mit Aussicht"). Immer wieder reden Mr. Rivers und die anderen "Memsahibs" davon, was eine europäische Frau erdulden kann und was nicht. Olivia macht sich zunehmend frei von den Erwartungen, die auf ihr lasten. Sie fährt nicht in die Sommerfrische in die Berge. Sie schwärmt bei einem Besuch der Begum, der Mutter des Nawab, von deren Sohn, eine Situation, die die übrigen Engländerinnen nur durch Gehüstel und Gerede entschärfen können. Dabei bricht Olivia allerdings sowohl die Konventionen ihrer Landsleute als auch die der Inder. Dr. Saunders (hier als "hässlicher" Engländer eingeführt), kann nach dem Skandal nur mitleidlos konstatieren, dass Olivia so gut wie tot sei. Hinweise auf eine sehr eifersüchtige Begum und Geschichten von vergifteten Gewändern lassen Schlimmes befürchten.
Neben den beiden Hauptplots entwickeln sich auch psychologisch fein beobachtete Geschichten zu "Chid" und zu Harry Hamilton-Paul. "Chid" ist eine tragikomische Figur, der in Indien Freiheit findet (in seiner amerikanischen Heimat war er in psychologischer Behandlung) und an den Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit scheitert. Harry ist anscheinend als Lehrer oder Gesellschafter in den Palast des Nawab gekommen. Eine ähnliche Geschichte hatten Prawer und Ivory in "Autobiographie of a Princess" entwickelt, mit dem Unterschied, dass Harry zwar vom regnerischen London träumt, aber nicht die Kraft hat, der Verführungskraft und dem Verlangen des Nawabs irgendetwas entgegenzusetzen.
Deutlich wird auch die schwindende Akzeptanz der britischen Herrschaft über Indien. Während Mrs. Crawford bei Unruhen lediglich von "Gandhis Bande" spricht, zeigt ein Festbankett deutlich die Risse der britischen Autorität. Noch lächelt der Fürst freundlich über die angestaubten Anekdoten Major Minnies, aber seine Geschichte über die blutige Rache eines seiner Vorfahren signalisiert schon die Unruhe, die in Indien herrscht.
Nicht von ungefähr ähnelt der Film dem zwei Jahre später inszenierten "Reise nach Indien" von David Lean. Ivory hatte sich vergeblich um die Filmrechte des Forster-Romans bemüht. Mit Attenboroughs "Gandhi" und Peter Duffells (etwas kitschigen) "The Far Pavilions" (Palast der Winde) entstanden Anfang der 1980er weitere große Indien-Produktionen. "Hitze und Staub" ist unter diesen Filmen der weniger bekannte.
Innerhalb des Werkes James Ivorys bildet "Hitze und Staub" einen vorläufigen Höhepunkt in der Beschäftigung mit Indien. Mit seinem Produzenten Ismail Merchant (selbst Inder) und seiner bevorzugten Drehbuchautorin Ruth Prawer-Jhabvala (deutsch-britischer Herkunft, die jahrzehntelang mit ihrem indischen Ehemann in dessen Heimat lebte) entwickelte er mehrere Projekte (u.a. "The Householder", "The Guru", "Bombay Talkie"), die sich vorwiegend mit dem zeitgenössischen Indien beschäftigten, um nun als ganz großer Wurf eine zeitgenössische Indiengeschichte im Licht des historischen Indien spiegeln zu lassen.
Die ausgezeichnete Besetzung sieht wie folgt aus. Neben Scacchi, Christie und Kapoor spielen Christopher Cazenove (als Douglas Rivers), Nickolas Grace (als Harry Hamilton-Paul), Barry Foster (als Major Minnies), Zakir Hussain (als Inder Lal), Charles McCaughan (als "Chid"), Patrick Godfrey (als Dr. Saunders), Julian Glover (als Crawford), Susan Fleetwood (als Mrs. Crawford), Jennifer Kendal (als Mrs. Saunders), Madhur Jaffrey (als Begum) u.a.
Der Film liegt in guter Bild- und Tonqualtät vor, mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es einem Audiokommentar von Merchant, Scacchi und Grace sowie den etwas kuriosen 30-minütigen Dokumentarfilm "Helen-Queen of the Nautch Girls" (über eine Bollywood- Darstellerin), zu dem Ivory das Drehbuch schrieb. Die Doku ist untertitelt, der Audiokommentar leider nicht. Es gibt ein Wendecover, leider ist das Cover etwas kitschig geraten.
"Hitze und Staub" erscheint jetzt erstmals auf einer deutschsprachigen DVD. Der Film gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Ein größerer Bekanntheitsgrad wäre ihm zu wünschen.