Anhand akribisch durchforsteter Quellen zeichnet Thomas Weber die Geschichte des 16. Reserve-Infanterieregiments ("Regiment List") nach; es ist auch die Geschichte Adolf Hitlers und die seiner Regimentskameraden. Dabei gelingt es ihm, einen Mythos zu widerlegen: der von Hitler als tapferem Frontsoldaten. Als Meldegänger brachte er Befehle vom Regimentsstab nicht an die Front, sondern zu den Bataillonsstäben - deutlich hinter der Hauptkampflinie. Er war also kein "Frontschwein", sondern eher ein "Etappenhengst". Sein Eisernes Kreuz 1. Klasse (das er ironischerweise auf Vorschlag des jüdischen Regimentsadjudanten Hugo Gutmann erhielt), verdankt er nicht besonderer Tapferkeit, sondern seiner Nähe zu den Offizieren im Regimentsstab. Bei seinen Kameraden war er weder besonders beliebt, noch unbeliebt. Er wurde als Außenseiter und 'Spinner' betrachtet und war gelegentlich das Ziel milden Spotts: so erzählten sie sich, er wäre wohl in einer Konservenfabrik verhungert, weil er die Dosen nicht mit dem Bajonett hätte öffnen können. Insoweit ist die Nazi-Hagiographie widerlegt.
Ansonsten macht Weber klar, dass es im 1. Weltkrieg keinen weitverbreiteten Antisemitismus gab, weder im Heer im allgemeinen noch in Hitlers Regiment im besonderen (was die Kriegstagebücher jüdischer Soldaten erkennen lassen). Hitler wurde also nicht durch sein "Fronterlebnis" zum fanatischen Antisemiten. Wann aber dann? Weber erklärt dies, etwas nebulös, mit Hitlers politischer Orientierungslosigkeit nach dem Krieg, wobei er auch kurzzeitig der Münchner Räterepublik diente (worauf schon Werner Maser vor Jahrzehnten hinwies). Letztlich habe er sich an den Ideen seiner frühen politischen Mentoren orientiert und nach und nach seine Rolle gefunden - quasi ein umgekehrtes "dem Führer entgegenarbeiten".
Damit sind die positiven Aspekte des Buches schon beinahe alle aufgezählt, denn in vielem macht sich Weber seine Schlussfolgerungen zu einfach. So versucht er die politische Bindung/Ausrichtung der Angehörigen des Regiments List anhand der Wahlergebnisse vor und nach dem Ersten Weltkrieg in deren Herkunftsgebieten zu belegen - das ist methodisch recht problematisch. Hauptziel dabei ist es, zu belegen, dass die große Masse der Angehörigen des Regiments bei ihren Vorkriegsüberzeugungen geblieben sei - sich also nicht durch das 'Fronterlebnis' radikalisiert habe.
Es ist keineswegs sicher, dass Präsident Wilson die Abschaffung der Monarchie als Voraussetzung für die Annahme eines deutschen Waffenstillstandsgesuchs forderte. Wilson mahnte lediglich eine demokratische Verfassungsreform an, wie sie im Oktober 1918 auch verwirklicht wurde. So heißt es in der Note vom 23. Oktober: "Die ... Vereinigten Staaten [werden nur] ... mit Vertretern des deutschen Volkes verhandeln. [...] Wenn mit den militärischen Beherrschern und monarchistischen Autokraten Deutschlands jetzt verhandelt werden muß, [...] dann kann Deutschland über keine Friedensbedingungen verhandeln, sondern muß sich ergeben." (zit. n. H.D. Schmid (Hg.), Fragen an die Geschichte. Arbeitsbuch für die Sekundarstufe I, Bd. 4, Frankfurt/M. (Hirschgraben Verlag) 1978, S. 12. Natürlich lief das auf die Abdankung des Kaisers hinaus, aber nicht notwendigerweise auf die Abschaffung der Monarchie (die auch Ebert erhalten wollte).
Deutlich trauert Weber seiner alternativen Vision eines Deutschland als parlamentarischer Monarchie britischen Stils nach, gescheitert am "kombinierten Angriff des Ersten Weltkriegs, Woodrow Wilsons Forderung nach Abschaffung der Monarchie und der nachfolgenden Ereignisse".
Noch problematischer wird es, wenn er die Rolle der Freikorps nach der blutigen Niederschlagung der Revolution (der Münchner Räterepublik) herunterspielt. Ebenso betont er der Kapp-Putsch sei nicht am Generalstreik, sondern an der Weigerung der Beamtenschaft mit den Putschisten zusammenzuarbeiten gescheitert Auch hier macht es sich Weber bei weitem zu einfach. Warum hätten die Putschisten sonst geradezu verzweifelte Aufrufe an die streikenden Arbeitnehmer richten sollen, die Arbeit wieder aufzunehmen (nachzulesen in der umfassenden Dokumentation "Erwin Könnemann, Gerhard Schulze (Hrsg.): Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente. Olzog, München 2002", S. 207ff.). Nicht zuletzt sind die Umstürzler an ihrem Dilettantismus gescheitert. Darüber hinaus besteht aber kein Grund die breite Abwehrfront gegen den Putsch kleinzureden, die nicht nur von den sozialistischen Parteien, sondern auch von DDP und Zentrum, den Gewerkschaften (ADGB und Afa, christliche Gewerkschaften) bis zu den Beamtenbünden getragen wurde.
Insgesamt bleibt somit ein zwiespältiges Bild. Das Buch enthält manch Neues, aber wenig Überraschungen.