Ein höchst penibel recherchiertes Werk über das soziale, politische und kulturelle Wien zur Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die kulturelle Situation, die mir als Kulturbremse sonst eher gleichgültig ist, stellt Hamann sehr lebendig dar anhand der damals lebenden Literaten, Künstler und Musiker. Wer was warum schrieb und dichtete, wie das aus der Zeit zu erklären ist und was das für Auswirkungen hatte. Sie beschreibt sehr anschaulich die politische Situation in der Donaumonarchie, die Konflikte im Vielvölkerstaat, das Leben im Parlament (mit zehn (!) zugelassenen Sprachen, wo mehr als die Hälfte der Reden nicht einmal von der Hälfte der Parlamentarier verstanden wurde), der Dünkel der Deutschen und Slawen (v.a. Tschechen, die immer quergetrieben haben, gerade im Parlament). Ein beeindruckendes Kapitel behandelt die soziale Situation im kaiserlichen Wien, die katastrophale Wohnungsnot, der Hunger, die Arbeitslosigkeit und die Abgehobenheit der Volksvertreter. Die "Bettgeher", die Obdachlosenasyle, wovon es viele gab in Wien, ein riesiges in Meidling mit über 1000 Schlafplätzen, das trotzdem überfüllt war (und weswegen es dann einen Aufstand gab) und in dem auch Hitler für ein paar Wochen landete; Menschen, die buchstäblich Nichts hatten, und zu denen 1908/09 auch H. gehörte - und dazu der groteske Kontrast des Luxus des gehobenen Bürgertums, des Adels, des eben erwachenden Ringstraßenpomps, die enormen Teuerungen der Lebensmittel, wogenen die Menschen demonstrierten - eine furchtbare Zeit. Der noch nicht zwanzigjährige H. selbst wird als kontaktscheuer, besserwisserischer Eigenbrötler dargestellt. Er politisiert damals schon über die Maßen, hält Monologe, zeichnet Entwürfe für große Projekte in Linz und Wien, geht in die Oper (Wagner), ohne es sich leisten zu können und kennt auch alle Wagner-Opern in- und auswendig. Großkotzig erklärt er seinem Freund Kubizek die Welt, monologisierend, aber auch überzeugend. Er lebt von seiner Tante Hanni, die ihm immer wieder Geld leiht, das sie nie wieder sieht, streitet mit seiner Schwester Paula um die Waisenrente und ist ein Beispiel an Arbeitsscheue. Er gibt sich als Bruder der Arbeiter aus, gibt vor, am Bau gearbeitet zu haben, will "akademischer" Maler sein (wird wegen Titel-Anmaßung auch angezeigt), was alles erlogen ist. Er ist nicht nur arbeitsscheu, sondern auch arbeitsunfähig, kraftlos, ungeschickt und ungebildet. Er gibt sich aber als Student aus, gibt vor, zu "studieren", liest eine Menge, zeichnet eine Menge, weiß auch eine Menge, hat aber trotzdem keine Bildung. Eine höchst unsympathische Figur! Die Zeit im Männerheim ist noch seine beste in Wien, das brigittenauer Männerheim ist zu dieser Zeit neu errichtet, höchst modern, mit einzelnen Schlafplätzen (hier findet H. zum ersten Mal elektrisches Licht in seinem Leben); hier betätigt er sich als "Postkartenmaler" und lebt nicht schlecht davon, hat ein paar Bekanntschaften, die ihn unterstützen, vor allem Juden (!). Diese Bekanntschaften sind sensationell gut dokumentiert, man erfährt viel über H.s Zeit in Wien und seine sozialen Umstände. Großspurig, großkotzig, obergescheit, besserwisserisch, obwohl von der Hand in den Mund lebend, arbeitsscheu, arbeitsunfähig, kontaktscheu, fremdenfeindlich, asozial, rücksichtslos. Dieses Bild zeichnet Hamann von H. in seiner Wiener Zeit. Äußerst gut recherchiert, farbig geschrieben, spannend, lebendig. Ein Muß für jeden Interessierten an der Geschichte H.s und Wiens zur Jahrhundertwende.
Es folgt ein Kapitel über Rassentheoretiker und Welterklärer: auch dieses ist tiefgründig recherchiert, sodaß ein gutes Bild darüber entsteht, welche Ideen H. von wem abgekupfert hat: eine Rolle spielten: Guido von List, Lanz von Liebenfels, Hans Goldzier, Hanns Hörbiger (mit seiner Welteislehre), Otto Weininger und Arthur Trebitsch. Es wundert nicht, dass auch unter diesen einige Juden waren. Es ist weniger interessant, WAS diese Herren so von sich gaben - es ist durchweg rassetümelnder Unsinn, wissenschaftlicher Schwachsinn, sondern eher, wie solche Ideen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Platz greifen konnten, wie sie auf H. und sein Weltbild gewirkt haben. Ein eigenes Kapitel ist Herrn Schönerer und seinen Aposteln gewidmet, ein großes Herrn Dr. Lueger, der großen Antisemiten, der angeblich gar keiner war und großen Lügner. Die Ressentiments der Deutschen gegen die Tschechen und vice versa behandelt ein Großkapitel, eines das Judentum in Wien, man wundert sich, warum die Monarchie überhaupt solange gehalten hat. Ein interessantes Kapitel beleuchtet Hitlers Verhältnis zu Frauen (das keines war), wie er scheu und ängstlich ihnen gegenüber war, verklemmt und sich auch nicht entwickelt hat. Schade nur, dass die Autorin bloß die fünfeinhalb Wiener Jahre Hitlers beleuchtet, das Buch macht Lust auf mehr. Hitler war jedenfalls anfangs eher ein Judenfreund, hat von ihnen gelebt, kein Prob-lem mit ihnen gehabt. Er war nicht nur ein Sonderling, sondern ein Widerling. Großartig, Frau Hamann!