Man hat Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten unserer Bundesrepublik, zum Vorwurf gemacht, dass er die Brutalität der Nazis nicht erkannte oder nicht ernst genug nahm, als er dieses Buch 1931 schrieb. Ein gewisser Respekt vor Hitlers demagogischen Fähigkeiten ist spürbar, genauso klar aber verurteilt Heuss die Rassenideologie der Nazis, wenn er die Zerstörung jüdischer Friedhöfe als moralisches Fiasko bewertet: "Wir tragen einen Fleck an uns herum, seit in Deutschland solches, feig und erfurchtslos, möglich wurde." Auch wie er in knappen Bemerkungen Hitlers Rassenhass als Selbsthass skizziert, wenn er meint: "Hitler hasst oder verachtet den Slawen - er hat selber slawisches Blut und muss das Wissen davon überkompensieren," das ist charakteristisch für die analytische Klarheit dieses Buches - ein essayistisches Meisterstück. Ich wollte ursprünglich nur ein Buch von Heuss lesen, weil ich seine Reden so geistreich fand: dieses Buch ist großartig. Witz, Ironie, Sarkasmus, überraschende Zuspitzungen, Heuss hat ein enormes Vokabular Vor allem das Kapitel über die Partei und die SA ist ein ironischer Geniestreich. Was mit trockenen Sätzen beginnt: "Die Finanzierung der NSDAP ist undurchsichtig", wird letzlich bedrohlich und nah: "Zusammenstösse, Rempeleien, Schlägereien, bei denen er (der SA Mann), wie er in seinen Zeitungen mit gutem Humor liest, nie angefangen hat. Er befindet sich, wie er da gedruckt sehen kann, in dem Dauerzustand der Notwehr." Heuss macht, wie es kein Historiker kann, die Bedrohung und die Rechtlosigkeit dieser Zeit deutlich. Ebenso deutlich wird die Hilflosigkeit seiner scharfen und geistreichen Analysen. Intelligenz und Sarkasmus waren keine hinreichenden Mittel gegen Nazis 1931.
Aber ich wollte, ich hätte dieses Buch schon als Schüler lesen können. Und das Leben von Heuss - in dieser Zeit - Stoff für einen großartigen Film.