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- Im deutschen Kaiserreich gab es in der Tat eine lebhafte antisemitische Agitation, die über den Hofprediger Stoecker bis in allerhöchste Kreise reichte. Man muß aber bedenken, daß die antisemitischen Parteien auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs gerade mal magere 3,4 % erreichten. Demgegenüber war die größte und erfolgreichste Partei, die SPD, stark von Juden geprägt. Sie verdankte ihre ideologische Grundlage dem Juden Karl Marx, ihr Gründer war der Jude Ferdinand Lassalle und unter ihren prominenten Führern waren viele Juden. Warum, wenn die Deutschen so zutiefst antisemitisch waren, bekam die SPD so viele Stimmen?
- Das erste jüdische Mitglied des Supreme Court in den USA war Louis Brandeis, der 1916 von Woodrow Wilson berufen wurde. Das kaiserliche Deutschland war da schneller. Der erste Präsident des Reichsgerichts in Leipzig war 1879 - 1891 Eduard Simson, ein Jude. Simson war schon 1848 Präsident der deutschen Nationalversammlung gewesen, später war er auch Präsident des Norddeutschen Reichstages. Er leitete als führender Parlamentarier 1849 die Delegation, die Friedrich Wilhelm IV. den deutschen Kaisertitel anbot, und 1870 die Delegation, die Wilhelm I. um Annahme des Kaisertitels bat. 1888 wurde er geadelt. Wie war eine solche Karriere möglich?
- Wenn einer für Antisemitismus empfindlich war, dann wohl Theodor Herzl. Aber man lese mal in seinem Zionistischen Tagebuch, wie er von führenden Persönlichkeiten empfangen wurde, vom Großherzog von Baden, von Philipp Eulenburg, Staatssekretär von Bülow, Reichskanzler von Hohenlohe und schließlich dem Kaiser. Von letzterem ist Herzl geradezu hingerissen. Jaja, man kann viel Böses über Wilhelm II. lesen, aber Herzl hat merkwürdigerweise nichts davon bemerkt. Sicher, er muß sich die üblichen Klischees anhören, daß die Juden ja alle viel Geld hätten, aber daneben gibt es viel Freundlichkeit und Interesse für den damals nicht sehr berühmten Herrn Herzl aus Wien und seine verrückte Idee eines jüdischen Staates. Paßt irgendwie auch nicht ins Bild.
In der Art könnte man ein ganzes Buch schreiben, das freilich genau so einseitig und verzerrend wäre, wie das von Goldhagen. Aber warum bekommt der Mann dann so gute Kritiken? Gut, außerhalb Deutschlands ist dieses Buch eine willkommene Gelegenheit, die eigenen Vorurteile scheinbar autoritativ bestätigt zu finden (machen wir uns nichts vor, es gibt 'ne Menge Leute auf der Welt, die alle Deutschen für geborene Nazis halten). Aber hier?
Ich nenne das die Kronzeugenregelung.
Goldhagen ist sozusagen der Staatsanwalt, der das deutsche Volk zur Rechenschaft zieht. Seine Anklageschrift ist ebenso scharf wie umfangreich. Was macht man da als Deutscher? Man versucht zu beweisen, daß man kein gewöhnlicher, sondern ein außergewöhnlicher Deutscher ist. Ein selbstkritischer Deutscher. Ein Deutscher, der unangenehmen Wahrheiten unverwandt ins Gesicht schaut, der nicht verdrängt, beschönigt und relativiert - einer, der aus der Geschichte gelernt hat. Und so sagt man denn, daß der Herr Goldhagen ganz recht hat, man "gibt es zu" und schafft womöglich noch weitere Beweismittel heran. Und indem man so die breite Unterstützung deutschen Volkes für den Holocaust bezeugt, erwirbt man - die Aura der Unschuld. Denn man ist ja ganz anders, nicht wahr?
Gratuliere.
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