Es lockt ja eigentlich niemanden mehr so richtig hinterm Ofen hervor. Das Buch ist vor langer Zeit erschienen, da frage ich mich schon, warum ich das hier überhaupt mache. Aber gut, Weihnachten ist gerade vorbei, ich hänge durch, mit schwerer Schlagseite und kann nicht einschlafen.
Diejenigen, die eine negative Meinung über das Buch haben wollten, brauchten es gar nicht erst zu lesen. Die, die es gut finden wollten, brauchten es auch nicht zu lesen. Und all die anderen brauchten es schon mal überhaupt nicht zu lesen. Zu der zweitgenannten Kategorie gehörte ich ein bißchen, muss ich ganz ehrlich zugeben.
Doch dann plagen Dich jahrelang immer wieder die Gewissensbisse: seit Jahren verteidigst Du das Buch gegen die Attacken von Leuten, die es kritisieren, ohne es gelesen zu haben. Du wirfst ihnen vor, ein Buch zu verteufeln, das sie gar nicht kennen dabei hast Du es selbst gar nicht gelesen!
Ich bin nur ein Durchschnittsheini, habe etwas Unnützes studiert und folglich jetzt einen Beruf, der mit meinem Studium gar nichts zu tun hat - nur damit Sie wissen, was für einer ich bin. Also ein ganz normaler Durchschnittshanswurst, der normalerweise nur das nächste Zamonienbuch von Walter Moers lesen will.
Da habe ich mich also mal durch dieses "Willige Vollstrecker"-Buch hindurchgezwungen und bin so schlau wie vorher. Es ist nicht für diejenigen unter uns geschrieben, die gern lesen und klare, elegante Formulierungen lieben. Der Schreibstil ist sperrig und schwer verständlich.
Wie gesagt, ich bin nur ein Durchschnittstyp, aber es drängt sich wohl nicht nur Leuten wie mir beim Lesen doch der Verdacht auf, dass all diese Neologismen, Verklausulierungen, dieser Wust aus Fußnoten und Querverweisen einem ganz anderen Zweck dienen könnte als der historisch-wissenschaftlichen Präzision - nämlich eine einleuchtende und wenig überraschende Tatsache, die so banal und altbekannt ist, dass sie sich in einem Satz formulieren lässt ("Aus Haß auf die Juden haben sehr, sehr viele Deutsche am Holocaust mitgewirkt, noch mehr haben indirekt mitgeholfen und noch viel mehr haben zugesehen und nichts dagegen unternommen") so lange aufzublasen und aufzuplustern, bis sich das alles dann so richtig hochgeistig, wissenschaftlich und für uns 08/15-Penner unverständlich liest.
Der Goldhagen-Dani hat also herausgefunden, dass das gar nicht der Hitler allein war, der all die Juden umgebracht hat! Dass da noch andere mitgemacht haben! Dass diejenigen, die mitgemacht haben, Antisemiten waren! Sososo! Ist ja 'n Ding! Wie hat der das denn spitzgekriegt? Man stellt sich vor, wie er monatelang in der Bibliothek sitzt und eine Akte nach der anderen wälzt, um diese sensationellen Erkenntnisse zutage zu fördern. Man hält das Resultat seiner Recherche in den Händen und stellt bestürzt fest: die Judenmörder mochten die Juden nicht! War vielleicht Hitler am Ende selbst ein Antisemit?
Vielleicht ist das jetzt auch ziemlich ungerecht. Immerhin sollte man auch bedenken, in welchem historischen Zusammenhang das Buch entstanden ist. In den 90er Jahren war es in Deutschland Mode geworden, alles, was im dritten Reich passierte, auf die erbarmungslose Hitler-Diktatur zu schieben, gegen die man dann leider nichts unternehmen konnte. So gesehen, waren die spekulativen Diskussionen über dieses Buch ein sehr willkommenes Korrektiv.
Auf gewisse Weise verdienstvoll sind außerdem die historischen Beispiele an denen er seine mottige These festmacht.
Fazit: es ist nichts grundsätzlich Falsches daran, alte, ranzige Ansichten zu vertreten, denn das tun wir schließlich alle: die Erde ist rund, ein Kubus ist es nicht und die Deutschen waren und sind Antisemiten. Nicht alles, was alt und langweilig ist, ist deshalb zwangsläufig falsch. Aber wenn man dieses Buch einmal als einen Diskussionsbeitrag werten will, dann orientiert sich der Wert dieses Beitrags daran, wieviele neue Erkenntnisse oder Argumente er liefert. Ein Beitrag, der in hunderten von unleserlichen Sätzen nur das umformuliert, was ohnehin schon alle wissen, ist das zwar noch keine Lüge, aber als Beitrag überflüssig, daher bedeutungslos und folglich falsch.