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Den Deutschen, so Aly, ging es in diesem Krieg -- vom Ende freilich abgesehen -- besser denn je. "Deutschland wird dann am größten sein, wenn seine ärmsten seine treuesten Bürger sind", wusste der Führer. Und deshalb wurde das Volk mit Wohltaten gezielt korrumpiert -- auf Kosten des enteigneten Judentums und der geplünderten Völker in den besetzten Gebieten. Schmuck, Gold und Waren aller Art wurden von dort im großen Stil zur Hebung der Moral an die Heimatfront verbracht. Auch die Soldaten durften sich in der Fremde billig eindecken und an ihren Einsatzorten billig "einkaufen": "Selbst noch während der extrem unwirtlichen Monate Januar, Februar und März 1943 schafften es die Soldaten nach der Statistik des zuständigen Feldpostamtes, von der Leningradfront mehr als drei Millionen Feldpostpäckchen in die Heimat zu schicken -- gefüllt mit Beutestücken, Schnäppchen und überschüssigen Lebensmittelzuteilungen." Und allein im besetzten Frankreich summierten sich die aufgrund des wie überall zum Vorteil der Reichsmark festgesetzten Wechselkurses ausgesprochen günstigen Privateinkäufe der deutschen Besatzer auf 125 Millionen Reichsmark, was laut Aly den Wertverlust des Franc eingerechnet mehr als einer halben Milliarde Euro entspricht.
Von all dem, aber auch von mancher anderen Wohltat für die Nutznießer des NS-Sozialstaats, für die die Völker des geplünderten Europas im wahrsten und im übertragenen Sinne bluten mussten, berichtet Götz Aly kenntnisreich und gut belegt. Eine äußerst erhellende Lektüre! -- Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Das deutsche Selbstwertgefühl - unbestritten eine der wichtigsten Kulturnationen Europas - lag nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und der "Schmach" des Versailler Vertrages am Boden. Viele empfanden die restriktiven Regelungen des Friedensvertrag als ungerecht und konnten sich nie mit der aufgezwungenen und alles andere als wehrhaften Weimarer Demokratie identifizieren. Die Nationalsozialisten schafften es, diese diffusen Gefühle für ihre Zwecke auszunutzen. Wie diabolisch verführerisch "Hitlers Volksstaat", wie verlockend die nationalsozialistische Rassenideologie für die Menschen tatsächlich war, das habe ich durch die Lektüre von Alys sehr gutem und bestens recheriertem Buch nun eher "begriffen". Immerhin schafften es das Regime ein Gutteil seiner Versprechungen (auf Kosten anderer) "wahr" zu machen. Und nun stellt sich mir die Frage, ob sich so etwas in unserer aufgeklärten Zeit eventuell wiederholen könnte. War ich einst vollkommen vom NIEMALS WIEDER überzeugt, bin ich mir heute nicht mehr ganz so sicher. Genau deshalb sind solche Bücher wie "Hitlers Volksstaat" so wichtig, denn sie zeigen uns auf, mit welchen Mitteln es gelingen konnte, in einem ganzen Volk eine destruktive nationalistische Stimmung zu erzeugen - und nur mit diesem Wissen kann auch in Zukunft ähnlich schlimmes verhindert werden.
Die detaillierte Beschreibung der Methoden, mit denen Schuldlose beraubt und um ihr ehrlich erworbenes Gut gebracht wurden, die Enthüllung der Niedertracht von Maßnahmen, die von "anständigen" Bürokraten, der Elite der Verwaltungsbeamten, ausgeklügelt wurden, die Aufdeckung der Schamlosigkeit mit der sich Begünstigte des Systems bereichert haben, raubt mir schier den Atem.
Als Jugendlicher war ich Teil dieses Systems, das ich nicht durchschauen konnte, aber später wurde mir klar, dass das teilweise gleiche Personal im Aufbau der Bundesrepublik einigen Politikern ähnliche Praktiken gegenüber der eigenen Bevölkerung zur Verfügung gestellt hat, um mit sozialen und fiskalischen Wohltaten deren Wiederwahl zu ermöglichen.
Das Buch von Götz Aly wird sicher in der Zunft der Historiker angefeindet werden, da ihr wirtschaftliche, fiskalische und sozialpolitische Fragestellungen fernliegen. Für uns, die allgemeine Leserschaft, gibt Aly jedoch Erklärungen über den Erfolg des Nazi-Regimes bis weit in den Krieg hinein, die bisher nicht so klar erkennbar gemacht wurden. Es ist leichter, Gewalt, Einschüchterung, Diskriminierung als Grundlage der Herrschaft nachzuweisen als die schleichend erkaufte Zustimmung des Volkskörpers, wo doch beide Elemente und einige mehr die Herrschaft gefestigt haben.
Goldhagen ade - er hat nicht erkannt, wie die Mehrzahl der Bevölkerung über den Tisch gezogen wurde und es nicht ein dem deutschen Volk immanente Ausrottungswille, sondern weitgehend "Stimmungspolitik" war, die mir und dir das System mindestens erträglich, wenn nicht gar wünschenswert gemacht haben. Der in weiten Kreisen manifeste, zumindestens aber latent vorhandene Antisemitismus wurde weniger durch Neigung zur Gewalt als viel mehr durch den Willen zur ungerechtfertigten Bereicherung, also Neid aktiviert. Der heutigen Neidgesellschaft sei's ins Stammbuch geschrieben.
Mit welch en Mitteln sind die Menschen in den nationalsozialistischen Staat integriert worden, was hat sie so lange zufrieden gemacht oder zu mindestens ruhig gestellt? Den Deutschen ging es in dieser Zeit des Nationalsozialismus besser denn je. Man muss sich einmal vorstellen, allein wie integrativ eine Rentenerhöhung von 15% im Jahre 1941 gewirkt hat, mitten im Krieg, auf Kosten von Millionen Zwangsarbeitern, die in die Sozialversicherungssysteme einbezahlt haben. Mit diesen und ähnlichen Wohltaten hat man das Volk moralisch bestochen.
Im ersten Teil des Buches entwickelt der Autor den zentralen Begriff einer Gefälligkeitsdiktatur, das heißt er betrachtet den nationalsozialistischen Staat aus einer Perspektive in der er sich als Gefälligkeitsdiktatur zeigt. Er entwickelt damit die zentrale These, dass es eben nicht vorrangig Repression und Terror waren, die die Deutschen ermutigt hat mitzumachen, sondern er sagt an einer anderen Stelle später, die Deutschen waren Nutznießer und „Nutznießerchen". Er sieht diese Tatsache als komplementäres Element der Wahrheitsfindung von hohem Gewicht, das bisher in der Forschung vernachlässigt worden ist.
Herr Aly spricht nicht vom Nationalsozialismus sondern vom nationalen Sozialismus. Wie sozialstaatlich war eigentlich der Nationalsozialismus? Das sozialistische Konzept in seiner ursprünglichen Form ist ein internationalistisches. Es beruht auf der Auseinandersetzung von Kapital und Arbeit. Das historisch tragische ist, dass ein Teil dieses Konzeptes von der NSDAP übernommen wurde und dass dazu die ethnische Homogenisierung gemischt wurde. In dieser Mischung haben sich soziale und sozialistische Ideen relativ gut behauptet.
Das System, das haben Studien zur Finanzpolitik klar ergeben, basierte von 1934 an auf reiner Verschuldungsbasis. Der Krieg stand so zu sagen als „Finanzierungsmittel" auf der einen Seite von Anfang an am Horizont, auf der anderen Seite die Judenvernichtung und die damit einhergehende Enteignung. Man hat immer viel mehr Geld ausgegeben als eingenommen werden konnte. Das hat sich dann auch günstig für die breite Masse des Volkes ausgewirkt.
Darüber hin aus hat man zwischen 1933 und 1940 trotz Rüstungsboom und anwachsender Staatsausgaben die Steuern nicht erhöht. Darüber hinaus hat man die Pfändungstitel gestoppt. Das war für viele Menschen, die durch die Weltwirtschaftskrise in Not und Verschuldung geraten waren, von großer Wichtigkeit.
Das Konzept der in der Anfangsphase propagierten Volksgemeinschaft funktionierte natürlich nur mit einem Gegenkonzept, nämlich der negativen Integration, also der ‚Ausgrenzung von klar definierten Gruppen. Darüber hinaus hat der Nationalsozialismus ein hohes Maß an sozialer Mobilität und Klassenvermischung im Inneren durchgesetzt.
Die vom Autor zitierte Nutznießerschaft bezieht sich auf die Phase des Krieges. Da gibt es Phänomene über die bis heute wenig geschrieben worden ist.
Unter der Kapitelüberschrift „Hitlers zufriedene Räuber" werden die Deutschen hart zu Gericht genommen, denn alle haben in irgendeiner Form profitiert, und so betrachtet verwandelte die NS-Führung die Deutschen mehrheitlich nicht zu überzeugten Herrenmenschen und bedingungslosen Fanatikern sondern zu willigen Nutznießern.
Die deutsche Volksgemeinschaft, die sicher auch in dieser Konsolidierungsphase am Anfang der NS Zeit sozial psychologisch hervorgebracht worden ist, hätte sicher lieber gesehen, wenn ihr die anschließenden Anstrengungen, Zumutungen und bitteren Verluste, selbst bei einem siegreiche ersten Teil des Krieges, erspart geblieben wären.
Dieses Buch erhellt in ausgezeichneter Form die Zeit des Nationalsozialismus. Beieindrucken ist die umwerfende Sachkenntnis des Autors.
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